Andreas Bull-Hansen
DIE NORDLAND-SAGA I
Die Tränen des Drachen


Auszug aus:
Erste Kapitel: Krugant
Setzt euch zu mir, Freunde. Krallenfinger wird erzählen. Ekri, häng die Felldecke vor die Tür. Nin, leg noch etwas Holz aufs Feuer. Es ist so kalt draußen.
Kommt nun, Freunde. Ich werde euch die Geschichte von einem kleinen Jungen erzählen, der vor vielen, vielen Wintern gelebt hat, und von der Reise, die er unternommen hat, ehe er hierher in die Felsenburg kam.
Hört meine Worte. Fühlt sie. Nehmt ihren Geruch wahr. Seht, wie sie ums Feuer tanzen. Und hört ihre Stimmen, wie sie euch locken, mitzukommen. Tut, was sie von euch verlangen, Freunde. Folgt meinen Worten auf das Meer hinaus und segelt mit ihnen fort, bis es auf die nördlichen Ebenen trifft. Dort liegt Krugant, ein Ort, von dem euch sicher eure Klanväter erzählt haben. Und dort in Krugant beginnt die Geschichte.
Ob dort die Zauberer wohnen? Nein, Nin. Das ist in Tuur, weiter im Süden, noch hinter Krett. Die Kruginer fürchten die Zauberei, sie würden die Hexenmeister niemals in ihrer Stadt wohnen lassen. Denn Krugant ist von stolzen Kriegern bevölkert, den Nachkommen der ersten Klans der Ebene. Das sind gute Menschen. Ich bin noch immer dieser Meinung, auch nach all dem Bösen, das geschehen ist.
Fragst du schon wieder, Nin? Sei geduldig, mein Kind! Du darfst einen alten Mann nicht so drängen! Ihr werdet bald erfahren, was geschehen ist, denn ich erinnere mich an alles, als wenn es gestern gewesen wäre. Also, schlagt die Decken um euch und denkt nicht an den Schneesturm draußen hinter den steinernen Mauern. Nein, seht ins Feuer und hört meine Geschichte.

Kro-Gan sagen Eure Klanväter. Sie meinen Krugant. Keiner von ihnen war jemals dort, denn sie sind nicht so reiselustig wie es das Felsenvolk gewesen ist. Aber nach allem, was sie von den herumreisenden Händler erfahren haben, ist es eine wunderbare Stadt, und ich hoffe, dass ihr es eines Tages auf euch nehmen werdet, dort hinauf zu segeln. Ihr werdet den Ort an dem goldenen Streifen erkennen, der sich vor dem Grün der Ebene abhebt, das sich flach aus dem Meer erhebt. Kommt ihr näher, werdet ihr erkennen, dass es sich um eine steinerne Mole handelt. In Krugants Hafen werden eure Schiffe sicher vor jedem Unwetter liegen, Denn die steinerne Mole schützt die gesamte Seeseite der Stadt. Ihr müsst von Osten heransegeln, wenn ihr nicht auf den Schären auflaufen wollt und wenn die Ebbe kommt und das Wasser sinkt, werdet ihr die verfaulten Masten und tangbewachsenen Decks der Schiffswracke zahlloser törichter Händler sehen. Doch hinter der Mole ist das Wasser tief und dort pulsiert das Leben. In der Tauschzeit, die vom Frühsommer bis zum letzten Mond vor den Herbststürmen andauert, kann man trockenen Fußes vom Kai bis zur Moleneinfahrt laufen, von der Krugs steinerner Kopf alle wohlgesonnen Männer willkommen heißt, feindliche Räuber hingegen mit einem Bann belegt. Ja, die Kruginer haben auf der westlichen Spitze der Mole einen steinernen Kopf errichtet, groß wie zwei Männer und breit wie einer. Niemand weiß, ob man diesen Kopf damals Krug taufte oder ob das der Name desjenigen war, der ihn aus dem Fels gehauen hatte. Ich selbst glaube an das zweite, denn die Kruginer sind geschickte Steinmetze. Auch ihre Häuser sind aus Stein und man erzählt sich, sie hätten diese Steine aus den Uferfelsen gehauen, die zu der Zeit, als sich die ersten Kruginer ansiedelten, den Strand bedeckt hätten.
Ich erinnere an Krugant als eine Stadt der Mythen und allerlei fantastischer Dinge. Im Hafen erzählen sich die Seeleute Geschichten und besingen, was sie im Süden erlebt haben. Du kannst sie sehen, die in Seide gehüllten Arer, die dicken Seeräuber, und die dunkelhaarigen Kretter, wie sie sich ans Dollbord ihrer Boote lehnen und sich mit den Händen an der Takelage festhalten. Und wenn du dich zum Rand der Kaimauer vorschleichst, kannst du sie bis lang in die Nacht erzählen hören, während sich das Licht ihrer Kohlelampen auf der schwarzen Wasserfläche spiegelt. Und unter euch gluckst das Wasser an den Pfählen und ihr riecht den Tang und das Meer und das Ziegenfett von den Grillfeuern der Arer.
Tagsüber stehen die Händler auf der Kaimauer, die wie eine Straße am Meer entlangläuft. In ihren Buden verkaufen sie Häute und Kräuter, Schwerter und Bögen, Seile aus Palmenfasern, Sklaven und magische Dinge aus Tuur.
Was sagst du, Nin? Dass sie böse sind? Dass nur Räuber mit Menschen handeln? Ja, da hast du Recht. Ich habe Frauen schreien gehört, als würde ihnen das Herz herausgerissen, als ihre Kinder verkauft und weggebracht wurden. Einmal habe ich gesehen, wie ein Arer mit seinen eisernen Fesseln einem Sklavenhändler bei einem letzten Versuch zu fliehen, das Genick gebrochen hat. Es ist wahr, dass Sklavenhändler böse sind, aber ich habe nie daran gedacht, bis es mir selbst widerfuhr.
Trotzdem müsst ihr mir glauben, wenn ich euch sage, dass auch den Menschenhändlern ein Platz auf dem Markt in Krugant zukam. Denn dort findet sich alles, was die bekannte Welt zu bieten hat. Wenn ihr dort an den Buden entlanglauft, riecht ihr den Duft ferner Länder und träumt euch auf die himmlischsten, sagenumwobensten Inseln. Noch heute habe ich den Geruch der Kräuterwürstchen aus den Sieben Reichen und den Duft frischgefangenen Aals in Seegras in der Nase. Der bittere Gestank des geölten Steinholzes auf dem Tisch der Waffenschmiede sticht in meiner Nase, während mich der verführerische Duft parfürmierter Menschen aus Ländern, von denen niemand je gehört hat, schwindelig werden lässt. Und über dem Ganzen schwirren die Worte in einer Unzahl fremder Sprachen wie Vögel von Bude zu Bude.
Ja, welche Geschichten gibt es dort nicht zu hören? Wilde Gerüchte und Seeräubergarn gedeien dort wie Disteln auf einer Pferdekoppel. Die Kruginer sind Menschen, die gerne alles mögliche glauben, und wohl deshalb haben sich die Gerüchte so schnell verbreitet.
Aber lasst mich euch jetzt in die Straßen und Gassen von Krugant entführen! Dort, zwischen den gelben Häusern, in deren Sandsteinwände sich der Regen tiefe Rinnen gegraben hat, reiten die Krieger der Ebene zu ihren zahllosen Gefechten. Dort könnt ihr Fonorer in ihren glitzernden Rüstungen auf bemalten Wildpferden sehen, die sie mit ihren Füßen leiten. Oder Leihschwerter aus dem Norden, mit breiten Schultern und dicken Bärten in ihren Bärenfellen, große Männer mit enormen Äxten. Einmal habe ich gesehen, wie einer von Ihnen einen Kretter einfach entzwei gehackt hat, vom Kopf bis zum Schritt, aber ihr braucht euch nicht zu fürchten, denn von allen Völkern, die nach Krugant kommen, sind die Bewohner des Nordens die verträglichsten.
"Grum", wird er in seinen Bart brummen und dich an sich drücken. Und dann bist du sein Freund in diesem und dem kommenden Leben, und auch wenn die nördlichen Völker in ihren groben Fellen oft merkwürdig riechen mögen, ist es gut, sie als Freunde zu haben, und ich sage euch: Niemand ist so edel zu Frauen und Kindern wie der Nordmensch. Ich erinnere mich daran, dass einmal eine Landstreicherin gehängt werden sollte. Das macht man so in Krugant, sie töten Menschen, die stehlen. Und diese Frau hatte Edelsteine von einem Goldschmied gestohlen und sie wollte nicht verraten, wo sie die versteckt hatte. Die meisten glaubten, sie hätte sie verloren, oder dass wieder andere sie ihre gestohlen hätten. Aber wie dem auch sei, sie sollte gehänkt werden. An diesem Tag standen drei Nordmenschen auf dem Richtplatz, und als die Frau zum Galgen hochgeführt wurde, hörte ich sie in der Menge brüllen. Die Menschen traten zur Seite und drei Wilde mit Äxten in den Händen stürmten nach vorn zum Galgen, schubsten die Wachen zur Seite und lösten die Fesseln der Frau. Als die städtischen Soldaten kamen, hatten sie den Richtplatz bereits zu Kleinholz gehackt, den Galgen heruntergerissen und mit ihr das Weite gesucht. Niemand hat sie seitdem gesehen, aber an diesem Abend feierten die Kruginer. Niemand mochte es eigentlich, wenn Menschen gehänkt wurden, so dass die Befreiung wirklich ein Grund zum Feiern war. Ihr müsst wissen, dass Krugant nicht wie die Felsenburg ist, denn in Krugant gab es Menschen, die mehr zu sagen hatten als andere. Das waren die Reichen, die die Vermögen hatten und Sklaven, die sie umsorgten. Diese Menschen hatten sich zu etwas, das sie Laag nannten, verbunden. Das Laag bezahlte die Soldaten und die Soldaten standen für Ruhe und Ordnung, es waren also die Reichen, Menschen wie der Goldschmied, die in Krugant regierten. Trotzdem; es war ein spannender Ort. Ich könnte lange über Krugant berichten, doch ich muss sehen, dass ich mit meiner Geschichte weiterkomme. Denn Krugants Gassen hatten auch ihre Schatten. Und auch in den Gemütern der Kruginer waren dunkle Winkel verborgen.

Am Rande der Ebene, wo die wenigen Kruginerbauern ihre Felder hatten, wohnte eine Böttcherfamilie. Sie waren nicht reich, verdienten aber genug, um jeden Abend gut zu essen und wenn sich die Flicken auf ihren Kleidern zu sehr häuften, kauften sie neue Hosen und Jacken beim Schneider unten am Hafen.
Das Haus, in dem sie wohnten, war eine alte Wirtschaft, in der die Kutscher übernachteten, ehe die Klansfehde begann und der Weg über die Ebene zuwucherte. Hier hatten auch der Vater und Großvater des Böttchers gewohnt und ihre Frauen und Kinder warm durch die Winter gebracht. Wie seine Vorfahren hatte er eine große Familie und in diesem Sommer hatte seine Frau ihr viertes Kind, ein Mädchen, bekommen.
Die drei Söhne waren fast immer draußen, denn das kleine Kind war ein richtiger Schreihals. Schon früh am Morgen arbeiteten sie mit ihrem Vater in dem alten Stall, den sie als Werkstatt nutzten. Sie hieben Stäbe aus den Stämmen, die mit Schiffen von der Ostküste herbeigeschafft worden waren, und spannten sie in den Schraubstock ein, damit sie später in die Eisenringe passten. Sie nagelten Deckel und bohrten Auslasslöcher und rollten die Tonnen dann durch die Gassen der Stadt zu den Seeleuten, Bäckern und all den anderen Händlern Krugants. Des Abends warfen sie Messer auf eine aus Heu gebundene Zielscheibe und übten sich mit Pfeil und Bogen. Manchmal schlenderten sie auch zum Hafen hinunter und lauschten den Geschichten der Seeleute oder sahen zu wie die Arer ihre Schwerter an den Vertäungsketten der Schiffe schliffen.
Meine Geschichte wird von dem ältesten der drei Söhne handeln, einem Jungen, dreizehn Winter alt mit Namen Karain. Solange er sich erinnern konnte, hatte er in der Werkstatt geholfen. Er hatte gelernt, wie er die Holzbalken zuhauen musste, damit das Öl nicht aus den Tonnen rann, wie er die Eisenbänder erhitzen musste, bevor er sie befestigen konnte und all das andere, das Böttcher wissen müssen. Der Vater hatte mit diesem Jungen mehr Zeit verbracht als mit den beiden anderen zusammen, denn er wollte, dass Karain der beste Handwerker in ganz Krugant wurde. Ihr müsst verstehen, er wusste sehr wohl, dass sein Sohn an keinem anderen Ort in die Lehre hätte gehen können, denn Karain war mit nur drei Fingern an jeder Hand geboren worden. Seine Oberlippe war gespalten und sein ganzes Gesicht war wie bei einem Tier mit Haaren bedeckt. Doch seine Augen waren blau wie der Himmel.
"Karain", konnte Vater sagen, wenn der Junge über den Hobel gebeugt dastand. "Leg' dein Gewicht genau auf das Holz, dann wird der Schnitt gerader."
Und wenn sie ihr Tagwerk beendet hatten und sich abends zum Essen um den Tisch versammelten, während die Mutter Brei in die Schalen goss, lobte er ihn und sagte, so dass alle es hören konnten:
" Heute warst du aufmerksam, Karain. Du hast das Handwerk in deinen Händen."
Ich erzähle euch das, damit ihr versteht. Es war keine Boshaftigkeit, die den Böttcher und seine Frau zu dem trieben, was sie später taten.

Ich erinnere mich an den folgenden Tag. Karain und seine Brüder hatten beim Schmied Eisenbänder geholt und stiegen den steilen Segeltrockenhang im Osten der Stadt empor. Wie gewöhnlich trug er die schwerste Last, wie es sich für den ältesten Sohn gehörte. Er kämpfte damit, die schweren Bänder auf seiner Schulter zu halten, ehe seine Krallenfinger den Halt verloren. Oben auf dem Hang, von wo aus man gute Sicht über die Stadt und den Hafen hatte, setzte er seine Last ab. Er konnte die Schiffe sehen, die Mole und das endlose Meer. Zwei Kretter gingen vorbei, warfen einen Blick auf ihn und murmelten sich etwas in ihrer Sprache zu.
Karain kümmerte sich nicht darum, er richtete seinen Blick zum Himmel. War das dort oben eine Rabe? Das schwarze Kreuz schwebte hoch über der Stadt.
"Schaut mal!" Er deutete nach oben.
"Ein Krah," sagte Mir und blinzelte zum Himmel. Der jüngste der Brüder verwendete noch immer für fast alles seine Kinderausdrücke. Er lächelte unter seinem Pony hervor und vergrub seine Hände in den Taschen seiner Friesjacke.
"Rabe!" Arga kratzte sich am Kopf und lachte. "Das heißt Rabe."
Karain beobachtete die beiden. Arga hatte genauso dunkle Augen wie Mir, er war aber zwei Jahre älter. Erst vor kurzem hatten sie seinen zehnten Geburtstag gefeiert und Vater hatte ihm so eine bestickte Lederweste geschenkt, wie sie die Erwachsenen tragen. Arga hatte sie heute angezogen und Karain hätte wetten können, dass sein Bruder sehr stolz war. Jetzt flüsterte er Mir, wie so oft, etwas zu. Die beiden hatten so viele Geheimnisse. Er fühlte sich dann immer ein wenig als Außenstehender. Arga legte Mir die Hand auf die Schulter, zeigte zum Raben empor und lachte. Karain blickte wieder zum Himmel. Als ob der schwarze Vogel zum Lachen wäre! Der Rabe kreiste zu ihnen nach unten und ließ sich dann von der Luft über den Hafen tragen. Dort scheuchte er ein paar Möwen auf und setzte sich schließlich auf den steinernen Kopf. Mit den Möwen flogen auch die anderen Seevögel auf und unzählige Flügel flatterten um die Masten herum.
"Geht schon 'mal heim! Ich möchte hier noch eine Weile bleiben." Karain forderte seine Brüder mit einem Wink auf zu gehen. Arga war es langsam leid, dass immer er bestimmte, doch noch taten sie, was Karain sagte. Sie schulterten die Eisenbänder und machten sich auf den Weg. Karain wandte sich wieder dem Meer zu. Die Seevögel kreisten jetzt in einem großen Schwarm. Eine große Schar schwarzrückiger Papageientaucher, gefleckte Raubmöwen, weiße Basstölpel und Möwen. Ja, er kannte sie alle. Oft ging er auf die Mole hinaus und sah von dort aus stundenlang zu, wie die Seevögel über dem Wasser kreisten.
Karain folgte ihnen mit den Augen. Sie flogen im Bogen über die Schären, die gerade eben aus dem Wasser ragten und landeten rechts von der Mole auf dem Strand. Der Rabe blieb alleine auf Krugs steinernem Kopf zurück.
Der Schlag traf seinen Arm. Er stolperte über die Eisenbänder nach vorn in den trockenen Pferdemist. Eine Reihe von Beinen erhob sich vor ihm, einige waren nackt, andere von ledernen Hosen verhüllt. Sie kreisten ihn ein, und während er sich aufrappelte, wurde das erwartungsvolle Lachen lauter. Er wusste, was geschehen würde. Wie konnte er nur so dumm sein, Arga und Mir nach Hause zu schicken!
"Federnase guckt sich wieder die Vögel an!" Der Sohn des Bäckers trat zu ihm vor. Er war dick und hatte rote Backen, genau wie sein Vater. Seine fetten, weiß wie Speckwürstchen glänzenden Unterarme zitterten vor freudiger Erwartung, als er sie in seine Hüften stämmte und grinste. Die anderen lachten. Karain sah sie an. Es waren immer die gleichen. Die vier Seilmacherbrüder und die Söhne vom Goldschmied und Muru.
"Hab ich dich nicht gebeten, einen Sack über den scheußliches Gesicht zu ziehen?" Der Bäckersohn kam breitbeinig auf ihn zu, das machte er immer so. Karain antwortete nicht, er sah zwischen ihnen hindurch und hoffte, irgendwo in der Nähe Arer oder Kelsmänner zu erblicken. Falls sie es denn gewagt hätten, gegen die Söhne der Männer des Laag einzuschreiten.
"Antworte!" Der Bäckersohn ballte die Faust und hob sie drohend vor ihm in die Höhe. Karain beugte sich hinunter, um die Eisenbänder aufzunehmen und als der Schlag seinen Rücken traf, hockte er sich hin und zog seinen Körper zu einem harten Bündel zusammen. Er ließ die Tritte und Schläge auf sich einhageln und als es endlich vorüber war, hielt er sich die Hände vor die Ohren, um das höhnische Gelächter nicht hören zu müssen. Erst als sich die Schritte nach unten entfernten, öffnete er die Augen und rollte sich auf den Rücken. Sie schlugen nicht so hart, wenn er sich nicht wehrte. Das Gelächter und die Hänseleien waren das Schlimmste. Er atmete aus. Vater hatte gesagt, dass er sich darum nicht kümmern sollte. Sie würden damit aufhören, wenn sie erst älter wären, meinte er. Karain wusste, dass er sich irrte. Der Sohn des Bäckers war schlecht. Er mochte es, andere leiden zu sehen.
Karain stütze sich auf die Ellenbogen auf und wischte sich Pferdemist und Dreck von den Kleidern. Da sah er den Raben. Er saß auf dem First der Fischtrockenhalle, gleich rechts von ihm. Die Sonne glitzerte in den schwarzen Augen des Vogels. Er rief. Dann senkte er den Kopf und starrte Karain an. Karain stand auf und sammelte die Eisenbänder zusammen. Da flog der Rabe auf, flatterte unter das offene Dach und zwischen den Reihen von Trockenfisch hindurch, bis er auf der anderen Seite der Halle wieder herauskamg und dicht über dem Boden zum Hafen hinuntersegelte. Dann flog er über das Meer. Merkwürdig, dachte Karain. Für gewöhnlich lebten die Raben in den Wäldern im Westen.
Er ging langsam den Hügel zu den Braustuben hinunter, die den Hafen säumten, nur unterbrochen von den Trockengestellen für die Netze und den Lagerhäusern. Zwei Arer diskutierten wild mit zwei Krettern. Das war ganz untypisch für sie; die blonden Männer kümmerten sich in der Regel nicht um Geschwätz. Bald erreichte er die Wirtshausstraße, und bog nach rechts zum Gasthaus ab. Auch hier war mehr Leben als sonst. Kelsmänner rannten an ihm vorbei in Richtung Hafen und sahen ihn verwundert an. Vor den Tonnen, die den Eingang des Wirtshauses darstellten, stand ein Tuurer und hielt aufgeregt lange Reden. Karain lächelte vor sich hin und dachte, dass sicher wieder die Rede von Seeräubern war, oder dass wieder irgendein Walschwarm eines der Schiffe draußen auf dem Meer versenkt hatte. So etwas ließ die Seeleute immer unruhig werden.
Er nahm eine heimliche Abkürzung und erreichte schließlich die Straße, in der er wohnte. Erleichtert hängte er die drei Eisenbänder über die Balken in der Werkstatt.

An diesem Abend kam der Schmied nach dem Essen zu Besuch. Zuerst glaubte Karain, er habe vergessen für die Bänder zu zahlen, und suchte an seinem Bund nach dem Säckchen mit dem Geld. Doch Vagge kam nicht, um Geld einzutreiben. Er hatte Neuigkeiten.
"Heute ist ein Schiff aus Krett angekommen," sagte er, während ihm die Frau des Böttchers Bier in seinen Krug goss. Er kratzte seinen struppigen Bart, schob das eine Bein über das andere und stützte seinen Ellenbogen auf dem Tisch ab.
"Und mit dem Schiff kam etwas, das mir Angst macht."
Karain setzte sich neben Vater an den Tisch. Er mochte den Schmied, denn er war einer der Erwachsenen, die ihn ganz normal behandelten und ihm nicht aus dem Weg gingen.
"Angst, sagst du?" Vater zog die Augenbrauen hoch und nahm einen Schluck aus seinem eigenen Krug. "Warum? Sind Pestratten an Bord?"
Der Schmied lächelte, lehnte sich über den Tisch und wuschelte Karain durch die Haare.
"Nein, weder Ratten, noch Mehlkäfer oder Schimmelpilze." Er stellte seinen Krug hin und ließ seinen Blick auf den Flammen der Feuerstelle ruhen.
"Aber mit den Krettern ist ein Gerücht in Umlauf geraten."
"Ein Gerücht?" Vater grinste. "Was für ein Gerücht? Und wer sollte denn diesen abergläubischen Krettern glauben?"
"Soviel ich weiß, hatten sie heute im Wirtshaus viele Zuhörer." Der Schmied schluckte und umklammerte seinen Krug. Er sah zu Karain hinüber und entließ ihn nicht aus seinem Blick, während er weitersprach. "Sie haben erzählt, dass die Städte im Osten des Meeres von Dämonen heimgesucht worden wären und dass diese die Gestalt von missgebildeten Menschen angenommen hätten."
Jetzt hob er seinen Krug an, und Karain, der von seinem Blick gefangen gewesen war, erhob sich vom Tisch. Er ließ die Männer reden und schöpfte sich eine Kelle Wasser aus der Tonne an der Tür. Dann sah er sich im Raum um. Mutter saß auf der Bank unter dem Fenster und nähte eine Hose, während Arga und Mir mit ihren Tieren, die sie aus Tannenzapfen gebaut hatten, spielten. Er nahm einen Schluck und schlich sich dann hinüber zum Kamin. Dort stellte er sich hinter den Rücken seines Vaters und tat so, als wärme er sich am Feuer die Hände.

B. Andreas Bull-Hansen, Fantasy, Writer, Bøker, Books, Romaner, Novels, Noveller, Short stories, Eventyr, Fiction, Skjønnlitteratur, Historisk, Prosa, Historic fantasy, Fantasy, Saga, Krønike, Norsk skjønnlitteratur, Norwegian prose, Sjanger, Kult, Kultbøker, Keltisk, Norrøn, Mytologi, Norsk fantasy, Norwegian fantasy, Norsk samtidslitteratur, Norsk samtid, Aktuell, B. Andreas Bull-Hansen, Bjørn Andreas Bull-Hansen, Lushons plater, Lushon's Plates, Syv historier fra Vestskogen, Syv fortellinger fra Vestskogen, Vestskogen, Syv historier, Syv fortellinger, Seven tales of the Western Forest, Seven tales, Western Forest, Horngudens tale, Hornguden, Cernunnos, The Tale of the Antlered God, Antlered God, Dragens tårer, Tears of the Dragon, Dragon, Brans reise, Bran, The Voyage of Bran, Han Som Søker, Han som søker, He Who Seeks, Cernunnos' komme, The Coming of Cernunnos, The Coming, Profetier - memoarer om John Thiersen, Profetier, John Thiersen, Prophecies - memoires concerning John Thiersen, Prophecies, Memoires, John Thiersen, Future, 2000, Nytt årtusen, The new millennium, Utdrag, Excerpts, Særoppgave, Forfatterinfo, Sales, Salg, Bokanmeldelser, Book reviews