Andreas Bull-Hansen
DIE NORDLAND-SAGA IV
Der Zug der Sklaven


Auszug aus:
Prolog
Das Langschiff trieb aus dem Nebel. Vendhur stand im Bug und stütze sich mit den Fäusten auf die Reling. In seinem Bart war Eis. Einen Pfeilschuss vor dem Schiff schlugen die Wellen gegen die Ufersteine. Dahinter klammerten sich Blockhäuser dicht an dicht an die Berghänge des schmalen Tales.
Vendhur starrte an Land. Der Morgen dämmerte, und er konnte die Menschen in den Langhäusern hören. Ein Hund bellte. Er trat einen Schritt zurück. Der Wind spielte mit seinen langen, glatten Haaren. Seine Haut war dunkel und er hatte ein hartes, zerfurchtes Gesicht mit Narben auf dem Nasenrücken und einem tiefschwarzen Vollbart. Er schlug seinen Umhang über die Schultern nach hinten. „Ber-Mar", flüsterte er und warf einen Blick zur Seite. Weitere Langschiffe trieben aus dem Nebel, und Vendhur legte seine Hand auf den Schaft seines Schwertes. Die Ruder peitschten das Wasser und trieben die Schiffe in Richtung Land. Es knirschte, als sich die Luken öffneten und die Krieger an Deck kletterten. Die Kaane ließen ihre Männer in Reihen an Deck Aufstellung nehmen. Alle Krieger waren von Kanaths dunkler Rasse und trugen gehärtete Lederbrünnen und Halbhelme. Einige hatten Kurzschwerter an Riemen um den Leib gehängt, andere trugen Säbel an den Gürteln. In den Händen hielten sie mannshohe Lanzen, scharf geschliffene Kriegsspeere mit gerußten Schäften.
Die Kaane sahen ihn an und Vendhur reckte die geballte Faust nach oben und neigte den Kopf. Sie hatten ihre Order erhalten.
Die Schiffe schoben sich knirschend auf den Strand und die Kaane warfen Strickleitern über die Reling, über die die Krieger auf den Strand hinab kletterten, zu den Langhäusern rannten und die Stadt umstellten. Als die ersten Männer mit Äxten und Stöcken in den Händen aus den Häusern traten, stürzten sich die Krieger auf sie und durchbohrten ihre nackten Körper mit den Lanzen. Die Schreie weckten den Rest der kleinen Stadt. Die Einwohner stürmten aus den Türen, rannten in die Pfeile der Krieger, stürzten und wälzten sich in dem gelben Laub am Boden. Vendhur richtete seinen Blick auf die Berge, die das Tal überragten. Die Schreie der Dorfbewohner und das Kampfgeheul der Krieger hallte an den steilen Klippen wider. Im Osten erhob sich die Sonne über die Hänge des Tales, während die Hörner der Kaane von Mord sangen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Blick über das Schlachtfeld schweifen. Die halbnackten Männer griffen zu Schmiedehämmern und gewaltigen Zangen, die an den Essen lagen, die es überall in der Stadt gab. Vendhur schloss die Augen. Die Karte, die der Mansarer nach Pethar gebracht hatte, hatte nicht gelogen. Er war in die Stadt der Schmiede gekommen.

Der Kampf dauerte nicht lang. Als die Sonne Schatten zwischen die Langhäuser warf, hatten die Krieger die Überlebenden am Strand zusammengetrieben. Die Kaane schwiegen und starrten zu Vendhurs Langschiff, doch noch immer stand dieser im Bug und blickte über die kleine Stadt. Er sah die blutüberströmten Männer, die sich an den Langhäusern entlang schleppten und hörte den Klagegesang der Frauen. Doch das war der Gesang des Sieges, den Vendhur schon so oft gehört hatte. Er stieg auf die Reling und hielt sich am Bugsteven fest, von dem aus ein Drachenkopf in das fremde Tal starrte. Er sog den Geruch von Pferdemist, Ruß und Rauch ein und sah die kleinen Fischerboote, die unweit der Langschiffe auf den Strand gezogen worden waren. Etwas weiter vom Strand entfernt hatten die Dorfbewohner Trockengestelle errichtet, auf denen Fisch im Wind hing. Solche Gestelle hatten auch oben in der Stadt gestanden, doch dort hatten die Bewohner Pelze und Lederstreifen zum Trocknen darüber gespannt. Im Norden des Tales erhob sich ein bewaldeter Höhenzug, während die Hänge im Osten und Süden kahl waren. Am Ostrand des Tales standen Pferde in einer Koppel und ein paar wenige Felder bildeten eine Grenze zu dem Fluss, der von den östlichen Berghängen hinunter ins Meer floss. Hier unten befand sich ein offener Platz und von diesem Platz aus führte ein Pfad über eine verwitterte Holzbrücke über den Fluss. Vendhur erkannte, dass dies ein guter Ort zum Leben war.

Als er über die Strickleiter nach unten kletterte, bliesen die Kaane in ihre Hörner. Seine tausend Krieger standen still am Strand und beobachteten ihn, als er auf die Ufersteine kletterte. Sie hatten bereits die Männer von den Frauen getrennt. Er nickte den Kaanen zu und diese führten die jungen Frauen in einer Reihe nach vorn. Als er vor die erste von ihnen trat, starrte sie ihm in die Augen und spuckte ihm auf die Brust. Da blieb Vendhur stehen, denn er erkannte, dass er ein stolzes Volk vor sich hatte. Er packte die Frau im Nacken und zwang sie zu Boden. Er riss ihr das Kleid von den Schulter und betrachtete ihre blasse Haut. Dann schubste er sie weg und trat zur nächsten. Er schlitzte ihr Kleid auf und suchte nach dem Zeichen Tarkins. Den gekreuzten Lanzen. Doch ihre Haut war blass und glatt.

Vendhur suchte nach dem Zeichen, doch keine der jungen Frauen trug es. Die älteren hatten bereits einen Mann und in der Vorsehung hieß es, es solle sich um eine unberührte Frau eines fremden Volkes handeln. Hier würde er sie nicht finden, doch noch hatte er Zeit zu suchen. Er wandte sich an die Männer und sprach in ihrer eigenen Sprache mit ihnen. Von Tarkin erzählte er. Und von Kanath, dem Reich im Süden. Das Volk von Ber-Mar sollte jetzt für ihn schmieden, doch der Meisterschmied bahnte sich einen Weg zwischen den Kriegern hindurch und widersetzte sich ihm. Der alte Graubart rief laute Worte über die Ehre seines Volkes und verhöhnte Tarkin. So ließ Vendhur ihn enthaupten und sagte den Dorfbewohnern dann, welche Gesetze von nun an gelten würden. Die Schmiede sollten für Kanaths Krieger arbeiten. Als Gegenleistung durften sie ihre Häuser und Frauen behalten. Er sprach zu ihnen über Tarkins Macht, die die alten Götter von der Erde und den Weiten des Himmels vertreiben würde.

Dann wandte Vendhur sich von ihnen ab. Sieben Tage war er in Ber-Mar, doch am achten Tag versammelte er sechshundert von seinen Kriegern und segelte wieder auf das Meer hinaus.
Und das Volk von Ber-Mar beugte sich der Macht der Eroberer und sah den Winter über das Tal kommen. Dieser Winter war lang und hart, doch die Ber-Marer beteten zu ihren Göttern und überlebten. Mit dem Frühling kamen weitere Langschiffe. Diese Schiffe brachten die Frauen der Krieger und mit den Frauen kamen neue Stimmen in die Langhäuser von Ber-Mar. Kindergeschrei und Lachen ertönte in dem engen Tal und die Ber-Marer verbargen ihren Hass wie ein glühendes Stück Kohle in ihrer Brust. Aus Wintern wurden Sommer und Sommer wurden zu Herbst und erneuten Wintern und bald waren drei Jahre vergangen.


Erste Kapitel: Ketten in Alvar


Während des ganzen Tages waren die Raben über das Tal gekreist. Der Wind kam aus dem Gebirge im Norden und ließ sie auf ausgestreckten Schwingen dahinsegeln und nur selten waren sie einmal über dem Wald nach unten geflogen, um sich in einem der Baumwipfel auszuruhen, bis sie erschreckt durch die fremden Geräusche im Tal wieder aufflogen. Die Raben kannten dieses Land, ihr Revier erstreckte sich von den Wäldern in den nördlichen Gebirgen bis zu dem großen Wasser im Süden. Hier suchten sie nach Tierkadavern, die die Wölfe zurückgelassen hatten, nach jungen Vögeln oder Kleintieren. Es war ihre Welt. Doch jetzt ertönten fremde Laute aus dem Dunkel unter den Tannen; trockene Zweige knackten und etwas Großes, vielleicht ein Hirsch oder ein Bär, drängte sich durchs Unterholz. Seit zwei Tagen ging das bereits so. Das Geschöpf war im Norden aufgetaucht, war wie ein erdfarbenes Bündel von den windgepeitschten Berghängen nach unten gehastet und hatte im Wald Schutz gesucht. Seither wanderte es nach Süden.
Der Tag neigte sich gen Abend. Die Raben waren hungrig, denn das fremde Geschöpf hatte sie derart beunruhigt, dass sie nicht nach Nahrung gesucht hatten. Als die Sonne hinter den Hängen versank und sich die Dämmerung über das Tal legte, schrien sie heiser und sehnsüchtig und flatterten in Richtung der Felswände, um dort Schutz zu suchen.
Vielleicht war es so am besten, denn bald begannen wieder die Zweige am Waldboden zu knacken. Trockenes Moos und Zweige raschelten und brachen entzwei und wären die Raben noch immer über das Tal gekreist, hätten sie ihre Blicke in Richtung der Lichtung gelenkt, auf der im vorigen Sommer der Blitz eingeschlagen war. Denn dieser Stelle näherte sich das Geschöpf. Es schien dem Geruch des frischen Grases zu folgen, das auf dem offenen Platz wuchs. Plötzlich trat das in Leder gehüllte Raubtier zwischen den Bäumen hindurch auf die Lichtung. Unter dem einen Arm klemmte ein Stapel trockener Zweige, über den Rücken trug es einen Wasserschlauch und einen Bogen und in der rechten Hand hielt es ein breites Jagdmesser. Das Gesicht des Mannes war schmutzig und seine blauen Augen starrten auf die Lichtung. Die braunen Haare hingen ihm über die Schultern bis zur Mitte des Rückens herab, waren aber auf der Stirn kurz geschnitten. Sein Bart war lang und struppig. Es rümpfte die Nase und nahm die Witterung der Lichtung auf. Dann trat es einen Schritt vor, hockte sich hin und ließ den Holzstapel auf den Boden fallen. Seine Bewegungen waren jetzt weich und wachsam, er blickte zum Himmel und schnupperte in den Wind. Seine Kleider waren aus Tierhäuten genäht und seine weite Hose war mit einem Lederriemen um seinen mageren Bauch gebunden. Es trug abgenutzte lederne Strümpfe, die mit Weidenwurzeln und Sehnen um seine Waden gewickelt waren. Sein Hemd bestand lediglich aus einem gegerbten Bocksleder, in das ein Loch für seinen Kopf geschnitten war, und der Umhang, den es über dem Rücken trug, war ein halb verfaulter, löchriger Bärenpelz. Der Mann kratzte sich im Nacken, machte eine Bewegung mit der Schulter und ließ den Wasserschlauch zu Boden fallen. Er leckte sich die Lippen, beugte sich vor und löste den Pfeilköcher von dem Hüftriemen. Dann blieb er stehen und ließ seinen Blick über die Lichtung schweifen. Er legte den Kopf zur Seite und betrachtete lange die halb verkohlten Baumstämme, die kreuz und quer übereinander gestürzt in der Mitte der freien Fläche lagen. Dann nahm er erneut Witterung auf, ehe er den Wasserschlauch nahm und langsam durch das kniehohe Gras weiterging.
An einer umgestürzten Wurzel schlug der Mann sein Lager auf. Der Wurzelteller hatte den Waldboden aufgerissen und bot Schutz vor dem auffrischenden Wind. Er legte ein paar Zweige über eine Handvoll Rinde, die er in einer seiner ledernen Strümpfe gehabt hatte, und schlug mit einem Flintstein gegen die Klinge seines Messers, so dass Funken stoben. Bald leckten die Flammen an den trockenen Zweigen empor und der Mann setzte sich mit verschränkten Beinen ins Gras. Er murmelte etwas, doch seine dunkle Stimme gebar keine Worte. Manchmal richtete er seinen Blick zum Abendhimmel und heulte leise, doch meistens hielt er den Kopf zur Seite geneigt und saß reglos da und lauschte den Lauten des Waldes; zwei Pfeilschüsse nördlich von sich hörte er eine Eule und etwas weiter im Osten einen Hirschen, der durchs Unterholz schlich.
Als das Feuer niedergebrannt war, trank er ein paar große Schlucke aus dem Wasserschlauch und löste den Riemen um seinen Bauch. Er stand auf und zog sich das Bocksleder über den Kopf. Seine Schultern waren breit. Er hatte einen kräftigen Nacken und starke Oberarme, doch sein Magen ließ erkennen, dass er eine weite Wanderung mit wenig Nahrung hinter sich hatte. Sieben spitze Zähne hingen an einer Sehne um seinen Hals. Er hockte sich hin und nahm einen ledernen Beutel hervor, den er am Gürtel trug. Die Mücken hatten ihn entdeckt, doch er vertrieb sie mit einer Handbewegung und rieb sich die stinkende Mischung aus Bärenkot, Blasenpilz und Wacholderrinde auf den Oberkörper. Dann legte er sich auf die Seite. Er spannte seinen Bogen und legte zwei Pfeile neben sich, ehe er die Bockshaut und das Bärenfell über sich breitete und die Augen schloss.

Bei Tagesanbruch hatte er sein Lager schon weit hinter sich gelassen. Lange bevor die Sonne aufging, war er wegen des Windes aufgewacht. Die Zweige wurden von den stürmischen Böen hin und her gepeitscht und die Wolken trieben wie Eisschollen auf einem Strom im Frühling dahin. Er hatte in den Südwind geschnuppert und Gras und Erde gerochen, Wasser und wärmeres Land. Dann hatte er von seinem Wasserschlauch getrunken, sich die Riemen um die Taille gebunden, die Bockshaut und das Bärenfell angelegt und war zwischen den Bäumen verschwunden.
Jetzt kämpfte er sich durch das Unterholz. Hier unten im Halbdunkel waren die Zweige längst abgestorben, doch sie waren noch immer stark und zäh wie Weidenwurzeln. Er hatte seine Unterarme wie Keulen geschwungen und sich einen schmalen Pfad durch die Bäume gebahnt. Nur mühsam kam er vorwärts, doch das kannte er. Jedes Tal südlich des Barkasfjells war dicht mit Fichten bestanden und wer immer nach Süden wollte, musste diese unwegsamen Wälder durchqueren. Er war hier schon einmal gewesen, doch das lag zehn oder zweimal zehn Winter zurück. Doch er hatte kein so gutes Gedächtnis; er war nicht wie die Barkas, die mit ihm in dem Fjell lebten. Wenn er ihnen ein seltenes Mal begegnete, riefen sie ihn herbei und klopften ihm auf den Rücken. Sie hatten Worte gesagt, die er nicht verstand. Die Frauen waren zu ihm gekommen und hatten seine Hand auf ihre schmalen Schultern gelegt. Die Barkasjäger hatten über ihn gelacht. Sie hatten ihm Krüge mit einer Flüssigkeit gereicht, die im Hals brannte. Er hatte sie ausgespuckt, aber ihm war dennoch schwindelig geworden, worauf sich die Barkasmänner lachend auf die Brust schlugen.
Er war nie lange bei den Barkas geblieben. „Wolfsmann", riefen sie ihm nach, wenn er sich von ihren Feuern entfernte. „Wolfsmann, ... Wolfsmann ..." Ihre Worte hallten in seinem Kopf wieder, während er sich einen Weg durchs Unterholz bahnte. Sie kannten seinen Namen, denn er hatte ihn ihnen genannt, als er zum ersten Mal in den Fjell gekommen war. Er war Ulv, der Bruder der Wölfe. Er war der Mann aus dem Süden, aus den Bergen und Wäldern der Sagen und Lieder. Die Länder im Süden waren wie Träume für ihn. Er hatte sie einmal durchwandert, vor unzähligen Wintern. Ein ganzes Leben war seither vergangen. Er hatte vergessen. Nur die Sehnsucht steckte noch immer in ihm. Er erinnerte sich an Geschöpfe, die wie er selbst aussahen, wie die Frauen und Männer des Barkasvolkes. Einen Jäger, der ihn anlächelte. Eine Frau mit langen, hellen Haaren. Jedes Mal, wenn er das Eis auf den Bächen und Wasserfällen schmelzen sah, und sich die Sonne in den Schmelzwasserpfützen spiegelte, musste er an sie denken. Er erinnerte sich auch noch an andere Männer und Frauen, an Hütten aus Baumstämmen, Stimmen und Gerüche. Und an eine lange Wanderung durch einen endlosen Nebel und seine Verwunderung und Neugier, was sich wohl auf der anderen Seite der Berge befand.
Vielleicht waren es diese Erinnerungen, die ihn durchs Unterholz trieben. Er brach die Zweige mit Brust und Armen und kümmerte sich nicht um die Kratzer, die er bekam. Schmerzen quälten ihn nicht. Das hatte ihn der Wald als erstes gelehrt. Wer sich Schmerzen, Hunger oder Durst beugte, wurde Futter für die Wölfe und Raben. Er selbst hatte manch einen Hirsch erlegt, der vor Erschöpfung im winterlichen Tiefschnee zusammengebrochen war, und in dem Sommer, in dem alle Bäche ausgetrocknet waren, hatte er sich den Bauch mit Fuchsfleisch voll geschlagen. Nur die Barkas ließ er liegen, denn sie waren wie er selbst. Und sterbenden Wölfen hatte er sich auch nie genähert. Das waren seine Väter und Mütter, sie antworteten ihm, wenn er den Mond anheulte. Er trug ihren Namen. Er war Ulv. Er trug ihre Seelen in sich.
Den ganzen Tag über kämpfte sich Ulv durchs Dickicht. Als die Abenddämmerung hereinbrach sank er an einem Stamm zu Boden. Wieder trank er aus seinem Wasserschlauch. Er wog ihn in den Händen. Er war noch halb voll. Ulv zählte mit den Fingern und kniff die Augen zusammen.
„Dreitag", murmelte er. „Dreitag trinken." Er legte den Wasserschlauch in seinen Schoß, lehnte den Bogen an einen Baumstamm, rieb sich den Bauch und schlug den Bärenpelz um sich. Wieder kroch die Dunkelheit um ihn herum. Zweige streckten sich dick und grau in den Himmel und der Wind rauschte in den Baumwipfeln. Ulv lehnte seinen Kopf an den Stamm und schloss die Augen. Er träumte bereits.

Auch am nächsten Tag kämpfte er sich mit seinem Körper durch das Unterholz. Er folgte dem Geruch von Wind und Gras, und als das Gelände anzusteigen begann, wusste er, dass er die Wälder bald hinter sich hatte. Nach drei Pfeilschüssen begann es vor ihm, lichter zu werden. Er kam auf die Anhöhe, die er vom Fjell aus gesehen hatte und auf die er zugewandert war. Hier wuchsen keine Bäume. Nur Disteln und Nesseln wucherten auf dem steinigen Boden.
Ulv kletterte auf einen der gewaltigen Felsklötze und hielt sich die Hand über die Augen. Der Wind packte den Bärenpelz und hob seine schmutzigen Haare, doch Ulv stand sicher und fest da, während er seinen Blick über die Landschaft schweifen ließ. Der Wald endete ein paar Pfeilschüsse südlich von ihm. Die Anhöhe zog sich wie eine graue Zunge durch den Fichtenwald und ging schließlich in eine Ebene über. Nur vereinzelte Wacholderbüsche wuchsen auf der dem Wind ausgesetzten Fläche. Das Steppengras war nach der Trockenheit des letzten Mondes golden. Ulv wischte sich den Schweiß von der Stirn und zog sich den Wasserschlauch vor die Brust. Er trank, während er das fremde Land betrachtete. Die Ebene erstreckte sich, so weit das Auge reichte nach Westen und Osten. Im Süden war nach etwa zwei Tagesmärschen etwas Blaues am Horizont zu erkennen. Er witterte in den Südwind. Es roch nach nasser Erde und Wasser. Ein seltsames Gefühl quoll in ihm empor und er senkte den Blick und schluckte hart. Fast schien sich der Boden unter seinen Füßen zu bewegen. Er sprang von dem Fels herunter und atmete aus. Manchmal übermannte ihn dieses seltsame Gefühl und dann schmerzte sein Kopf von Bildern, die er nicht verstand. Vor seinem inneren Auge sah er einen See ohne Ufer. Er schmeckte Tränen auf der Zunge, Salz im Mund und hörte ein unablässiges Rauschen, wie Wind über Baumwipfeln, nur stärker, mächtiger.
Er schüttelte seinen Kopf und richtete seinen Blick auf die dahintreibenden Wolken. Ein Rabe kreiste über ihm. Er nistete bestimmt in der Felswand, dachte er. Dort hatten sie ihn entdeckt und waren ihm seither gefolgt. Er war in ihrem Land. Ein Eindringling.
Dann begann er wieder zu gehen. Es ging jetzt leichter, denn hier versperrten ihm keine Bäume den Weg. Er sprang von Stein zu Stein, stapfte durch dichte Nesselstauden und schlug mit dem Bogen gegen Steinhaufen, um Schlangen aufzuscheuchen. Wenn sie aus ihren Verstecken krochen, sprang er fauchend über sie hinweg. Solange er sich erinnern konnte, hatte er seinen Spaß mit ihnen getrieben, denn er war schneller als die Schlangen und war nur ein einziges Mal gebissen worden. Da war er zwei Tage krank gewesen und sein Bein war dick angeschwollen und hatte geschmerzt. Doch er hatte seine Lehre daraus gezogen. Er hatte gelernt, dass ihn nicht einmal die Schlangen töten konnten. „Zauberei", hatten die Barkas gesagt, als er ihnen die Narben der Giftzähne gezeigt hatte. In den Sand vor dem Feuer hatte er das verschlungene Muster gezeichnet, das die Schlange auf dem Rücken trug, und dann hatte er die Barkasmänner angefaucht, wie die Schlange ihn angefaucht hatte. „Dann müsstest du doch tot sein?" hatten sie erwidert und ihn voll Verwunderung angeschaut. Doch er hatte ihnen nicht geantwortet. Die Worte gingen ihm nicht so leicht über die Lippen.
Ulv folgte der Anhöhe hinunter in die Ebene. Die Disteln blühten und platzten beinahe vor Blütenstaub. Normalerweise würden Hummeln, Bienen und Wespen zwischen den Steinen schwärmen, denn das war jetzt ihre Zeit, doch heute wehte ein kräftiger Wind, so dass Ulv in aller Ruhe ganze Nesselbüsche abschneiden konnte. Er verstaute die Pflanzen in einer Falte seiner Bockshaut und drückte sie eng an sich, während er der Anhöhe weiter nach Süden folgte.

Er rastete erst, als die Sonne hoch am Himmel stand. Dann hockte er sich auf einen Stein und trank fünf Schluck aus seinem Wasserschlauch. Mit zusammengekniffenen Augen sah er zu dem Blau am Rand des Horizonts im Süden, ehe er sich erhob und weiter trottete.
Bei Anbruch der Dämmerung erreichte er die Ebene. Hier ging der Höhenzug in die grasbewachsene Steppe über und nur ein paar vereinzelte Felsbrocken unterbrachen die flache Landschaft. Ulv schnupperte in den Wind und schritt dann in das hohe Gras. Es wogte ihm entgegen wie die Wellen eines Sees; der Wind zeichnete Muster und Gestalten in die Ebene und erschreckte ihn mit seinen Stimmen. Deshalb ging Ulv am Waldrand entlang, denn er wagte es nicht, jetzt, nach Anbruch der Dunkelheit, die offene Steppe zu betreten. Er lief an den Fichten entlang, blieb kurz stehen und spähte über die Steppe und die wenigen Wacholderbüsche, die dort standen, ehe er wieder zwischen den Bäumen verschwand.
Bei einer der wenigen Kiefern des Waldes blieb Ulv stehen. Er blinzelte durch die krummen Zweige nach oben. Wo es Kiefern gab, wuchsen auch Birken. Er beugte sich unter einem Zweig hindurch und hastete weiter am Waldrand entlang. Manchmal warf er furchtsame Blicke in Richtung Steppe. Der Wind frischte auf. Vielleicht würde dieses Land ihn vertreiben, vielleicht würden die Götter, deren Namen er nicht einmal kannte, ihm erzählen, dass er wieder zurück in den Fjell und die nördlichen Wälder wandern sollte. Dort war er zu Hause.
Da erblickte er den weißen Stamm. Er legte den Kopf zur Seite und schnupperte, doch der Wind rauschte durch den Wald und brachte bloß Grasgeruch und den Dunst der Erde mit sich. Doch er brauchte die Witterung nicht, um sicher zu sein, dass es eine Birke war, die er sah. Das Weißholz, es war für so vieles nütze. Mit seiner Rinde hatte er so viele seiner Wunden geheilt. Und jetzt musste es ihm wieder helfen.
Er kletterte über einen vom Wind gefällten Stamm und schob ein paar zähe Fichtenzweige zur Seite. Dann stand er am Stamm der Birke. Mit der Hand strich er über die glatte, weiße Rinde. Es war ein noch junger Baum. Er nahm Wasserschlauch und Bogen ab und legte sie zusammen mit dem Bärenpelz und den Nesseln auf den Boden. Dann zog er das Messer aus der Scheide und schnitt eine handlange Kerbe in die Rinde. Mit geübten Bewegungen löste er die Rinde vom Stamm. Dann trennte er den Rindenstreifen ab und schnitt ihn so zurecht, dass er glatte Kanten hatte. Schließlich drehte er die Rinde zu einem Kegel zusammen, ehe er einen Zweig von einer der Fichten schnitt und ihn auf einer Seite spaltete. Mit diesem Zweig hielt er den Rindenkegel zusammen. Jetzt war das Kochgefäß fertig, und Ulv blickte durch die Zweige zum Himmel. Es war bereits Nacht. Er nahm den Bärenpelz, den Bogen und den Wasserschlauch und trug alles zu dem umgestürzten Baum. Dort fand er Schutz. Dann brach er trockene Zweige von einer Fichte, und legte sie in einer Kuhle im Boden zusammen. Mit dem Messer schnitt er sich einen dicken Ast ab, den er tief in den Boden steckte, so dass er schräg über das Feuer ragte. Dann nahm er den Lederriemen, den er um die Hüfte trug und stach zwei Löcher in den Rand des Kochgefäßes. Damit hängte er das Gefäß über die Feuerstelle und schlug Funken in die trockenen Zweige und die Rinde. Bald brannte das Feuer und Ulv goss einige wertvolle Schlucke Wasser in das Gefäß. Er schnitt die Nesseln klein, mischte sie mit dem warmen Wasser, rührte mit seinem Messer um und wartete. Sein Magen rumorte. Er hätte gern Fleisch gegessen, doch das Land war ihm unbekannt, und so musste er sich mit Nesselbrei begnügen.
Ulv ließ die Nesseln lange kochen. Das Rindengefäß wurde schwarz und rußig, doch es brannte nicht an, solange Wasser darin war. Er ließ es über dem Feuer hängen, während die Nacht kalt und dunkel wurde, so lange, bis das Gift aus den Nesseln gekocht war. Ungeduld nützte nichts; wenn er die Nesseln nicht lange genug kochen ließ, würden sie seinen Hals verbrennen und ihn krank machen. Diese Erfahrung hatte er früher schon einmal gemacht. Es war wie mit dem Bärenfleisch, auch das musste man lange kochen, denn sonst konnten die rachsüchtigen Geister der Bären in das Blut der Jäger übergehen und sie verrückt machen. Ulv lehnte sich zurück, den Kopf an den morschen Stamm gelehnt. Die Jäger der Barkas hatten ihm von Menschen erzählt, die sich Löcher in die Mägen schnitten, um die Maden und Würmer herauszubekommen, denn sie hatten die Eingeweide von Tieren gegessen und schreckliche Parasiten bekommen. Es gab lachende, unsichtbare Geister, die die Jäger in Moore lockten, Kaskadensänger, die wie Frauen aussahen, Riesen, die Männer mit der bloßen Faust erschlugen und Vielfraße, die im Verborgenen hausten und des Nachts ihre Beute unter die Erde zerrten. Der Wald konnte ihn von seiner Beute weglocken und ihn aushungern, und die Berge konnten ihn mit eisigen Winden und Schneestürmen überraschen. Seit er ein kleiner Junge war, lebte er hier draußen. Die Berge und Wälder waren sein Leben und all das, was vor dem Nebel und dem Heulen der Wölfe geschehen war, lag wie ein ferner Traum im Dunkeln. Er wusste nicht einmal, ob die Erinnerungen Wirklichkeit waren, oder ob er sich all das bloß einbildete. Zu den Barkas hatte er gesagt, dass er schon immer in ihren Wälder gelebt habe. Sie nannten ihn Wolfsmann und erzählten sich an ihren Lagerfeuern Geschichten über ihn. Und er hatte junge Barkasmänner altern sehen, während er selbst nicht älter wurde. Denn sein Leben währte schon lange, sicher ein ganzes Mannesalter. Oft hatte er sich darüber gewundert, doch der Wald blieb ihm die Antwort schuldig. Die Erinnerungen waren zahlreich, er dachte an Sommer, in denen er in den Bergen Hasen und Bergziegen gejagt hatte. Er dachte an Winter, in denen die Kiefern vor Kälte barsten und die Hirsche im Tiefschnee stecken blieben. Er erinnerte sich an Nächte, in denen die Füße vor Kälte schmerzten und an Sommer, in denen ihm die Mücken über Tage hinweg gefolgt waren. Die Erinnerungen kamen wie Tagträume zu ihm. Er sah Herbsttage, in denen er unter den Espen im Smaltal wandelte. Das Laub rieselte um ihn herum zu Boden und legte einen goldenen Teppich auf den weichen Waldboden. Er sah Zeiten im Frühjahr, in denen er sich eine Hütte am Wasserfall baute. Tagelang hatte er dort am Kolk sitzen und das Glitzern der Sonne auf dem schmelzenden Eis beobachten können. Und später, nachdem ihn der Waldbrand nach Osten getrieben und er drei Tage und Nächte lang gelaufen war, lebte er von Elch- und Hirschfleisch und teilte seine Beute mit den zahlreichen Wolfsrudeln. Es waren Tage und Monde, Jahre und Jahrzehnte. Viele Generationen von Wölfen hatte er gesehen, er kannte ihr Heulen, wenn ein Leitwolf starb, und dann heulte er mit ihnen. Das war sein Leben. Es war so, wie es immer gewesen war. Er war ein Wanderer, ein Herumstreifer. „Laufender Wolfsmann", pflegten ihn die Barkasjäger zu grüßen, doch er sah sie nur selten. Es konnte sein, dass er im Winter mehrmals auf ihre Spuren stieß und vielleicht sah er auch den Rauch ihrer Lagerfeuer, wenn er in den Bergen war, doch dann schlug er immer einen anderen Weg ein.
Ulv beugte sich vor und nahm das Kochgefäß vom Zweig. Der Nesselbrei brodelte. Er stellte ihn ins Gras und begann unruhig mit dem Oberkörper vor und zurück zu schwanken. Dann schob er ungeduldig zwei Finger in den glühend heißen Brei, fischte einen Klumpen der gräulichen Nesselblätter heraus und stopfte ihn sich in den Mund. Es brannte auf der Zunge, doch Ulv kümmerte sich nicht darum. Er leckte sich die Finger, schluckte und atmete aus. Es schmeckte bitter, doch es war Nahrung. Wieder schob er zwei Finger in den Brei, steckte sie in den Mund und leckte sie ab. Die Stärke kam in ihn zurück. Er spürte das in seinen Armen. Sein Körper wurde warm. Mit etwas Glück fand er draußen in der Steppe ein paar Heuschrecken. Doch auch wenn nicht, würde er es bis zum Wasser im Süden schaffen. Dort konnte er Fische fangen und in Nahrung schwelgen. Er schloss die Augen und lehnte seinen Kopf an den Stamm, doch schon bald hörte er, dass die Mücken ihn gefunden hatten. Er nahm etwas Salbe aus dem Ledersäckchen und rieb sich Arme und Gesicht ein, ehe er den Bärenpelz um sich schlug.
Ulv aß den Nesselbrei auf und kratzte auch noch den letzten Rest aus dem Rindengefäß. Er rülpste, trank einen Schluck aus seinem Wasserschlauch und ließ Wasser über seine Hände rinnen, ehe er sie zu den Flammen ausstreckte. Schließlich drehte er seine Hände um und betrachtete seine zerfurchten Handteller. Die dicke Haut war von Rissen und Schnitten übersät, aber die würden schnell heilen. Dennoch blieb eine Narbe in seiner linken Handfläche, die sich nie glätten würde. Sie sah wie ein Bogen aus und führte von seinem Zeigefinger bis zum Ballen des kleinen Fingers. Er erinnerte sich nicht, wie er sie bekommen hatte. Die Narbe war schon immer da gewesen. Sie hatte ihn begleitet wie ein Zeichen aus einer längst vergessenen Zeit. So war es auch mit der Kette um seinen Hals. Auch die hatte er immer gehabt. Die sieben Reißzähne hingen an seinem Hals, solange er denken konnte.

Bei Tagesanbruch wachte Ulv auf. Er stand auf und schlich sich an den Waldrand, wo er stehen blieb und über die Steppe spähte. Der Wind war nicht abgeflaut und die offene Landschaft erschreckte ihn noch immer. Die Steppe war wie ein unendlicher, grüner See, auf dem die Wacholderbüsche wie grüne Geister im Wind schwankten. Er versuchte, all seinen Mut zusammenzunehmen, doch er wagte es nicht, die sicheren Stämme zu verlassen. Stattdessen trat er ein paar Schritte zurück und versteckte sich im Schatten. Er schnupperte in den Wind. Dort draußen flogen Vögel über die weite Landschaft. Sie flogen so hoch, dass er nicht erkennen konnte, was es für Vögel waren, doch er glaubte, das es die gleichen Raben waren, die ihm aus den Bergen gefolgt waren. Vielleicht warteten sie darauf, dass er seinen Mut zusammennahm, und sich hinaus in das Unbekannte wagte. Vielleicht warteten sie darauf, dass er dort draußen starb.
Die Sonne stieg hoch und Ulv schwitzte unter seinem Bärenfell. Er hatte sich kaum bewegt und konnte keinen richtigen Gedanken fassen. Er spürte einzig Furcht vor dieser waldlosen Landschaft, dieser wogenden Endlosigkeit aus Gras. Schließlich sank die Sonne wieder, während Ulv noch immer im Schatten unter den Bäumen stand. Wieder wurde es Abend und Ulv ging zurück zu seinem Lagerplatz und sammelte Zweige für ein Feuer. Dann schlug er Funken, zündete das Feuer an, trank zwei Schluck aus seinem Wasserschlauch und schlief unter dem Bärenfell ein.

Am nächsten Morgen wachte er früh auf. Bereits vor Anbruch der Dämmerung war er auf den Beinen. Träume waren über ihn gekommen, gute Träume. Er wusste, wie er seine Angst überwinden konnte. Ulv sammelte seine wenigen Sachen zusammen, zog den Lederriemen um seine Hüfte fest und schlich sich in Richtung Waldrand. Er huschte von Baumstamm zu Baumstamm, bis er die offene Fläche vor sich hatte. Dann trat er einen Schritt vor, legte seine Hand vor die Augen und begann zu gehen.
Der Boden lag eben unter seinen Füßen und er stapfte blindlings vorwärts, und dachte mit einem Lächeln, dass es gut war, so zu gehen. Er sah nichts, und wenn er nichts sah, hatte er auch nichts zu fürchten. Das Heulen des Windes kannte er, diese Stimmen hatten niemals jemanden umgebracht.
Da trat er mit dem Fuß gegen etwas Hartes. Er stolperte, streckte die Hände nach vorn und stürzte seitlich ins Gras. Eine Weile blieb er so liegen. Dann blickte er zurück zum Waldrand und sah, dass dieser bereits einen guten Steinwurf hinter ihm lag. Es war noch immer dunkel, doch bald würde die Sonne hinter den Bergen aufgehen.
Ulv rappelte sich auf und ging weiter. Der Wind zerrte an seinen Haaren. Ulv sah sich immer wieder um, denn er hatte das Gefühl, dass ihn jeder einzelne Baum und jeder Berg dahinter verstohlen beobachtete. Er verließ sie jetzt. Er verließ das Land seiner Heimat und niemals hatte er von Menschen gehört, die auf Steppen wie dieser hausten. Für die Barkas war dieses Land Ödland. Aber dennoch musste er diesen Weg gehen. Es war ein innerer Drang wie Hunger oder Durst.

Ulv ging mit raschen Schritten, während sich die Sonne über das Gebirge erhob. Er sah, wie sich sein eigener Schatten lang und beängstigend wie der Umriss eines Riesen im Gras abzeichnete. Noch immer steckte die Furcht in ihm und er wagte es nicht, zu rasten. Er stemmte sich gegen den Wind, ließ Schritt auf Schritt folgen, und entfernte sich vom Waldrand. Bald näherte sich der Abend und er begann sich zu fragen, wo er Schutz für die Nacht finden konnte. Um ihn herum standen nur vereinzelte Wacholderbüsche und windschiefe Birken. Riesen-Findlinge lagen auf dem flachen Steppenboden und nur im Schutz dieser Felsen wuchsen die Wacholder dich an dicht. Ulv begriff, dass er es wie der Wacholder machen und Schutz hinter einem solchen Stein suchen musste. Der Wacholder war klug, denn er überlebte dort, wo sonst kein Baum mehr wuchs. Ulv ging zu einem der Findlinge und hockte sich geschützt vor dem Wind hin. Trockene Hasenköttel lagen auf dem Boden, doch er fand keine frischen Spuren. Er würde wohl wieder hungern müssen.
Mit der Dunkelheit kam der Schlaf. Ulv rollte sich zusammen, erschöpft von all dem Unbekannten, in das ihn sein Weg geführt hatte. Trotzdem war dieses Land nicht schlecht. Mücken und Fliegen konnten ihn hier draußen nicht finden, so dass er in Frieden schlafen konnte.

Am nächsten Morgen ging er weiter. Das Land machte ihm nicht mehr solche Angst. Er konnte gehen, ohne den Blick auf den Boden zu heften. Seine Beine trugen ihn weiter, während er zum Horizont oder in die Wolken blickte. Im Wald war das nie möglich. Hier draußen konnte er sogar aufrecht gehen, denn es gab keine Bäume und keine Zweige, die ihm den Weg versperrten. Er wusste durchaus, welche Geschöpfe hier draußen lebten, denn das hatten ihm die Barkas gesagt. Nachdem er am Morgen seine Notdurft verrichtet hatte, hatte er alles gut mit Erde zugedeckt, so dass niemand seine Witterung aufnehmen konnte. Und solange es derart windig war und das Gras wogte und seine Spuren verdeckte, mussten die Riesen gute Fährtenleser sein, um ihm zu folgen. Er ließ seinen Blick von Süden nach Westen gleiten, sah aber keine Gestalten, die in den Himmel ragten. Er hörte kein Gebrüll, kein donnerndes Lachen. Fast schien es diese Riesen gar nicht zu geben.

Die Landschaft war eintönig und Ulv fragte sich, warum hier keine Bäume wuchsen. Der Boden unter seinen Füßen war weich und üppig mit zähem Steppengras bewachsen. Das war guter Boden für Birken. Doch vielleicht war es der Wille der Götter, dass so weit im Süden kein Wald mehr wuchs. Vielleicht sahen sie von ihren himmlischen Jagdgründen auf ihn herunter und lachten über seinen Unverstand. Er sollte im Norden bleiben und nicht über diese Steppen wandern. Noch immer konnte er von dem See nichts sehen, und obgleich ihm der Wind ins Gesicht fegte, konnte er kein Wasser riechen. Der Wasserschlauch war beinahe leer, und wenn er zum Himmel blickte, sah er keine Vögel, die ihn zu einem Bach oder Wasserloch führten.
Ulv ging grübelnd weiter. Er sah, dass die Sonne langsam unterging und wusste, dass er bald einen geschützten Platz für die Nacht brauchte. Doch er konnte sich nicht entschließen, anzuhalten. Da war dieser Drang, diese Stimme in ihm, die ihn weiter trieb. Zum ersten Mal hatte er sie im frühen Frühling wahrgenommen. Erst waren die Hirsche nach Süden gezogen, und er hatte nicht groß darüber nachgedacht, dass er aus dem Barkasfjell herabgestiegen und in die Schutthalden und Wälder gekommen war, die die Barkas „die Täler" nannten. Doch als der Schnee schmolz, war er tief in den Fichtenwäldern gewesen und es war ihm richtig erschienen, weiter nach Süden zu ziehen. Er fragte sich das selbst immer wieder. Abends, wenn ihn das Feuer vor der nächtlichen Kälte schützte, starrte er in die Flammen und versuchte, Zeichen und Bilder zu sehen. Manches Mal hatten sie ihm seine Fragen beantwortet, wenn er nicht wusste, in welche Richtung die Rentierherden im Winter gezogen waren oder wo die Bäche im Sommer austrockneten. Doch dieses Mal hatten ihm die Flammen keine Zeichen gegeben. Er hatte den Mond angeheult und die Wölfe hatten ihm voller Sehnsucht geantwortet. Er hatte den Stamm von Blauzahn, das Rudel von Schwarzpelz und die jagenden Töchter von Revner verlassen. Zu Beginn hatten sie ihm von guten Jagdgründen geheult, doch als der Frühling kam, war er so weit im Süden gewesen, dass er ihr Heulen nur noch als entferntes Rufen gehört hatte.
Mit einem Mal richtete er seinen Blick auf den Horizont. Diese Erinnerungen an die erste Zeit, die nurmehr in seinen Träumen existierte, trieben ihn weiter. Sie sagten ihm, dass er nach Süden wandern musste. Es war beinahe so, als wäre er hier schon einmal gewesen, als ob er irgendwann vor langer Zeit einmal diese baumlose Steppe durchwandert hätte. Vor einem ganzen Leben. Und der Drang, zu wandern, der ihn in all diesen Jahren herumgetrieben hatte, zog ihn weiter. In Richtung des Landes, in dem der gelbe Rand über den Horizont kroch und Licht in die Wälder und Berge brachte. In Richtung Wärme, dorthin, wo das Land die Sonne gebar.
Als die Nacht kam, hatte Ulv den See noch immer nicht gesehen. Er hockte sich vor einen Wacholderbusch und spannte seinen Bogen. Der Boden lag grau unter dem sternenklaren Nachthimmel und der Wind zeichnete breite Schwingen in das wogende Gras.
„Meer", murmelte er und spuckte rechts neben sich auf den Boden. Meer war ein sicheres Wort, eines der vielen, unverständlichen Worte, die in seinem Kopf auftauchten. Er hatte diese Worte einem Barkasjäger genannt und dieser hatte sie für Geisterworte gehalten. Sie seien sicher gut gegen Zauberei und böse Kräfte, hatte er gemeint. Und dass sie von Ekserk stammten, dem Gott der Jäger.
„Di-lann, tir ..." Ulv strich sich über seinen dichten Bart. Die Dunkelheit lag schwer und mächtig über ihm. Sterne blinkten zwischen den dahintreibenden Wolken und sahen wie die Augen der Götter auf ihn herab.
„Di-lann, tir ..." Er spuckte in die Hände und rieb sich das Gesicht. „Di-lann, tir, ban. Meer, tirr-ga. Tirr-ga, tirr-ga." Er wiederholte die Worte in seinem Inneren, blickte ins Dunkel und legte sich das Bärenfell um die Schultern. Durst brannte in seinem Hals, doch er wollte mit dem Trinken bis Sonnenaufgang warten. Er kniff die Augen zusammen und vermisste den Wald. Die Bäume hatten ihn geschützt. Sie hatten ihn vor Regen und Wind behütet. Hätte ihn doch nur nicht diese leise Stimme in Richtung Sonne getrieben.

Am nächsten Morgen wachte er erst spät auf. Die ersten grauen Sonnenstrahlen schienen bereits über die Steppe, als sich Ulv den Schlaf aus den Augen rieb. Er lag auf der Seite unter dem Bärenfell. Der Wind spielte mit seinen Haaren und pfiff in dem Wacholderbusch hinter ihm. Das war Zauberei, dachte er und rappelte sich auf. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt so lange geschlafen hatte. Das Land hatte ihn mit Schlaf verhext, es wollte nicht, dass er den See erreichte. Ulv schüttelte den Kopf und stand auf. Er drehte dem Wind den Rücken zu und trank die letzten Schlucke aus dem Wasserschlauch. Dann löste er den Riemen um seinen Bauch. Die Steppe sollte lernen, dass er nicht so schnell zu überwältigen war. Er knotete die Sehne auf, mit der der Wasserschlauch zusammengebunden war, erweiterte die Öffnung, hielt den Schlauch vor sich und pinkelte hinein. Dann ging er weiter.

Es wurde ein warmer Tag. Obgleich der Wind über die Steppe fegte, brannte die Sonne auf das trockene Gras herab. Ulv legte bald das Bärenfell und die Bockshaut ab. Er band sie mit einer langen Sehne zusammen, die er um seinen Bogen gewickelt hatte und hängte sich die Last schräg über die Schulter. Dann schritt er mit langen Schritten, den Blick nach Süden gerichtet über die Ebene. Der Wind blies ihm die Haare aus dem Gesicht und weder sein struppiger Bart noch die Fältchen an seinen Augen konnten verbergen, dass er die Züge eines jungen Mannes trug. An seinem Oberkörper klebten Dreck und Lehm, doch jetzt wischte er sich über die Brust und kämmte sich mit den Fingern Erde und Schmutz aus dem Bart. Er rollte seine sehnigen Schultern und kratzte sich durch die Haare. Sein Körper roch jetzt so stark, dass er selbst wahrnahm, wie sehr er nach Blut und Schweiß stank. Oben im Fjell hätte er nach Tierkot oder Schlamm Ausschau gehalten, denn auf der Jagd musste er seinen eigenen Geruch verbergen. Doch hier draußen, dachte er und sah sich um, gab es keine Tiere zu jagen. Er strich sich mit der Hand über den schmutzigen Bauch und spürte seine Muskeln wie harte Knoten unter der Haut. Die Wanderung hatte all das Fett verbrannt, das er mühsam im Laufe des Winters angelegt hatte.
Da spürte er es. Er blieb abrupt stehen, schnupperte in den Wind und fletschte die Zähne. Es roch nach Wasser. Sein Mund wurde feucht und er rannte dem Wind entgegen, während sein Gepäck rhythmisch auf seinen Rücken schlug. Es war vielleicht noch weit bis zum See, doch er konnte nicht mehr länger warten. Er war in der Lage, Tage zu laufen, wenn es nötig war. Doch jetzt, da ihm der Geruch von nasser Erde und Wasser vom Wind entgegengetragen wurde, wusste er, dass es nicht mehr weit sein konnte. Er konnte den See noch vor dem Abend erreichen. Dann würde er trinken, tauchen und Muscheln suchen und sich zum ersten Mal seit dem letzten Vollmond satt essen.

Doch Ulv erreichte den See an diesem Tag nicht mehr, denn der Wind trieb den Duft des Wassers weit über die Steppe. Es war nicht wie im Wald, wo solch ein Duft bedeutete, dass das Wasser gleich hinter dem nächsten Hügel lag. Als sich die Dunkelheit über ihn senkte, gab Ulv das Laufen auf und sank auf die Knie. Sein Hals war trocken und wund, und der Durst war zu einem brennenden Schmerz geworden. Er warf den Wasserschlauch ab, doch litt er noch nicht schlimm genug, um seinen Urin zu trinken. Er rollte sich auf der Seite zusammen, legte den Kopf aufs Gras und schlief ein.

***

Die Barkas erzählten sich eine Legende über den Wolfsmann. Sie behaupteten, er trüge den Geist der Wölfe in sich und sei unsterblich, solange nicht auch der letzte der Graubärte verhungert oder durch die Pfeile törichter Jäger getötet worden sei. Vielleicht war es so, denn Ulv wachte am nächsten Morgen auf und erhob sich trotz seines Durstes und seiner Schmerzen. Er nahm den Wasserschlauch, schob sich die Öffnung zwischen die Lippen und ließ den Urin in sich rinnen, ehe er schnaubend zu seinem Bogen griff und weiter ging. Er hastete mit offenem Mund dem Duft des Wassers entgegen. Ulv brauchte jetzt all seine Sinne. Er musste diesen See erreichen, der ihn mit seiner blinkenden Wasseroberfläche aus den Bergen gelockt hatte.
„Meer ... tirr-ga .... tir ... ban." Bei jedem Atemzug wiederholte er diese Worte. Sie sollten ihm Glück bringen und ihm helfen. Sie sollten ihn ans Ziel bringen.
Die Sonne stieg am Himmel empor, als er es hörte. Ein neues Geräusch mischte sich unter das Rauschen des Windes. Es war ein seltsamer Laut, wie das Brausen eines Wasserfalls, doch schwächer und rhythmisch wie Herzschläge. Ulv blieb stehen, ehe er wachsam weiterging. Die Ebene stieg vor ihm leicht an. Es musste etwas dahinter liegen, etwas Unbekanntes, etwas, das ihm mit diesem merkwürdigen Laut entgegenblies. Vielleicht war es ein Riese, der da hinter der kleinen Anhöhe lag. Vielleicht wartete er dort auf ihn, um ihn zu packen und bei lebendigem Leibe zu verspeisen.
Ulv spannte den Bogen und legte seinen besten Pfeil auf die Sehne. Er spürte den Duft des Wassers jetzt ganz stark, doch wagte er es nicht, zu hoffen. Er beugte seinen Rücken wie beim Jagen schwach nach vorn und schlich weiter.
Zuerst glaubte er, der Himmel sei mit der Erde verschmolzen. Er fürchtete, ans Ende der Welt gekommen zu sein, an den Ort, wo alles Land endete, und Sonne und Himmel und großes Geistermoor seien eins. Aber Ulv ging weiter und stand bald darauf auf dem Gipfel der Anhöhe. Er hatte den See erreicht, und dieser See war größer als er es sich jemals vorgestellt hatte. Die Anhöhe senkte sich sanft zum Strand, der ein paar Pfeilschüsse vor ihm lag. Der Wind zeichnete weiße Ränder auf das Wasser und mannshohe Wellen spülten über den Strand. Im Süden konnte er das Ende des Sees erahnen, doch das Ufer war so weit entfernt, das es nur als undeutlicher Nebel zu erkennen war. Richtung Osten und Westen erstreckte sich das Wasser weiter, als das Auge reichte. So etwas Großes hatte Ulv nie zuvor gesehen. Und niemals hatte er geglaubt, dass Seen sprechen könnten, wie es dieser tat. Er versuchte, die Stimmen nachzuahmen, mit denen der See sprach, wenn die Wellen über den Strand spülten, gab es aber bald wieder auf.
Ulv ging zum Strand hinunter und betrachtete die Wellen. Zu guter Letzt zwang ihn sein Durst weiter und er legte sein Gepäck ab und zog das Messer aus der Scheide. Schritt für Schritt näherte er sich den Wellen, bis er schließlich das Wasser berühren konnte, wenn er sich ausstreckte. Er hockte sich hin und seine Füße wurden nass, als eine weitere Welle über den Strand spülte. Das Wasser war kühl, wie in einem stillen Bergsee. Er legte seine Hände zu einer Schale zusammen und trank. Es schmeckte nicht nach Erde, wie das Wasser der Waldbäche. Dieses Wasser war frisch.
Er trank lange. Als ihn der Durst nicht mehr quälte, ging er wieder auf das trockene Ufer und legte Bärenfell und Bockshaut ab. Er zog Hose und Lederstrümpfe aus und watete nackt ins Wasser, bis ihm die Wellen über den Bauch spülten. Dort wusch er den Wasserschlauch aus, ehe er ihn bis zum Rand füllte und fest verschnürte. Er legte ihn zu seinen Kleidern, nahm das Messer zwischen die Zähne und watete erneut ins Wasser. Der See jagte ihm Angst ein. Die Wellen zerrten an seinen Beinen und wollten ihn nach draußen ziehen, doch er wusste, dass diese Angst nur noch schlimmer werden würde, wenn er es nicht gleich tat.
Mit einem Sprung warf er sich in die Wellen. Er tauchte unter, als ihn die Strömung hinauszog und trat kräftig mit den Beinen, um nach unten zu kommen. Er sah kaum etwas, spürte aber die glatten Steine unter seinen Fingern. Das war ein guter Grund für Muscheln. Er hatte sie überall gefunden, in Teichen und Kolken in den Bergen und in den Tälern. Es musste sie auch hier geben.
Ulv schwamm soweit hinaus, dass sich die Wellen nicht mehr über ihm brachen. Dann öffnete er die Augen und blinzelte ins Wasser. Eine große Dunkelheit öffnete sich vor ihm. Der Boden sank steil ab. Er musste aufpassen, nicht zu weit hinauszuschwimmen, denn in solchen Tiefen lebten Geister und Ungeheuer. Mit einem Beinschlag schlängelte er am Grund entlang, bis er mit dem Bauch auf den Steinen lag. Von dort aus blickte er nach oben. Zwei Körperlängen über ihm stach die Sonne Pfeile aus Licht durch das Wasser. Er zog die Beine unter sich und stieß sich in Richtung Licht ab.
Seine Haare nahmen ihm die Sicht, als er die Wasseroberfläche durchbrach. Er hörte die Wellen auf dem Strand, doch jetzt erschreckten sie ihn nicht mehr. Dieser See wollte ihm nichts Böses. Er hatte ihn zu sich gelockt und jetzt war er hier und schwamm in ihm. Ulv tauchte erneut. Mit ein paar kräftigen Beinschlägen erreichte er den Grund und kroch, den Blick auf die grauen Steine geheftet, weiter. Die Muscheln wussten sich gut zu verstecken. Sie ließen die Algen auf ihren Schalen wachsen, so dass sie wie kleine Steine aussahen. Er fuhr mit der Handfläche über den Grund. Manchmal gruben sie sich halb ein und so drehte er ein paar Steine um und wühlte das Wasser auf. Doch er fand keine Muscheln.
Bald darauf gab Ulv die Suche auf. Er schwamm an Land, setzte sich auf den Strand und wrang das Wasser aus Haaren und Bart. Es tat gut, all den Schweiß und Schmutz abzuwaschen. Die stinkende Salbe, mit der er sich einrieb, um sich vor den Mücken und Fliegen zu schützen, hatte sich unter seinem Kinn fest verklebt, doch er kratzte sie mit dem Messer ab.
Die Sonne stand tief im Westen. Ulv nahm sein Jagdmesser und schlenderte nach Osten am Strand entlang. Er war in eine Bucht gekommen und einen Pfeilschuss links von ihm war das Ufer dicht von Bäumen bestanden. Er wollte nachsehen, ob es dort Heuschrecken oder genießbare Wurzeln gab. Sie würden ihn nicht satt machen, aber er musste etwas essen. Er ließ seinen Blick über den See schweifen und mit einem Mal wurde ihm klar, dass er nicht ans andere Ufer schwimmen konnte. Zuvor hatte er Teiche und Flüsse immer aus eigener Kraft überquert, doch jetzt brauchte er ein Floß und ein Ruder. So etwas hatte er schon einmal gesehen. Einmal war eins bei einem Frühjahrshochwasser über den Fluss aus dem Barkasfjell herabgetrieben und unweit seines Jagdlagers angespült worden. Ein toter Säugling war an den Balken festgebunden gewesen, ansonsten hatte es keine Spuren der Menschen mehr gegeben, die sich mit diesem Floß auf den Weg gemacht hatten. Er hatte das tote Kind losgebunden und die weiche Decke genommen, in die es eingewickelt war. Auch die Riemen löste er vom Floß, denn er konnte sie gut gebrauchen, um Torfballen zusammenzubinden, aus denen er eine Hütte bauen konnte, wenn der Winter kam. Er schor dem Kleinen sogar die Haare und fütterte damit seine Winterstrümpfe. Dann ließ er den Säugling mit dem Fluss weiter treiben.
Als er sich unter die Zweige schob, erkannte er sofort, dass er keine Heuschrecken finden würde. Zwischen den Baumstämmen waren überall Spinnweben. Fliegen und Kleingetier, die in den Netzen hingen, zeichneten sich als schwarze Flecken auf dem grünen Laub ab. Er schlug die Spinnen mit seinem Bogen weg und bahnte sich einen Weg zwischen den Zweigen hindurch. Es roch faulig-süß, doch nicht nach abgestandenem Wasser oder altem Laub. Er kannte diesen Geruch gut. Das war der Gestank von Aas.
Ulv schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch. Rechts von ihm schlugen die Wellen gegen die Wurzeln, denn die Bäumen wuchsen bis ins Wasser. An manchen Stellen hatten die Wellen den Boden unter den Wurzeln weggespült, so dass ganze Gruppen von Bäumen umgestürzt und im Wasser vermodert waren.. Ulv stieß mit dem Fuß gegen einen Stein und stolperte weiter. Er konnte sich an einem Stamm festhalten, geriet aber mit dem Gesicht in ein Spinnennetz. Die Spinne krabbelte über seinen Mund. Ulv nahm sie zwischen zwei Finger und hielt sie sich vor die Augen. Sie war grün mit gelben, kurzen Beinen. Er ließ sie zu Boden fallen und wischte sich die Spinnweben aus dem Gesicht. Der Aasgeruch war hier stärker.
Dann schob er die Zweige vor sich auseinander. Ein paar Speerlängen vor ihm hatten sich die Wellen wieder tief in den Wald gegraben. Dort drinnen bewegte sich etwas, ein dunkler Schatten, der vor und zurück schwappte. Ulv witterte in die Richtung aus der der Gestank kam. Die Wellen schlugen gegen dieses Dunkle und hoben es zwischen den Baumstämmen auf und ab.
Die Neugier trieb ihn Schritt für Schritt weiter. Schließlich stand er am Rand des Wassers und drückte die letzten Zweige zurück.
Es war ein Mensch. Er hockte in einem seltsamen Fahrzeug. Sein Oberkörper war nach vorn über die Knie gebeugt und seine Hände hingen an den Seiten herab. Er trug lediglich eine graue Decke, die er sich mit einem Tau um die Hüfte gebunden hatte. In seinem Rücken steckteein Pfeil . Auf seiner blassen Haut waren lange Striemen und Ulv erkannte, dass er bereits lange tot sein musste. Seine Füße und Finger, die am Boden des Fahrzeugs im Wasser hingen, waren aufgedunsen und begannen zu verwesen.
Ulv legte den Kopf zur Seite, denn er wunderte sich über das seltsame Floß, in dem der Mann saß. Es sah aus wie eine halbe Nussschale, war aber an beiden Enden spitz. Der Mann saß auf einem flach gehobelten Stock, der quer über das Floß reichte. Auf jeder Seite von ihm lagen Ruder und an dem Tau, das er sich um die Hüften gebunden hatte, hing ein faustgroßes Ledersäckchen. Ulv trat ins Wasser und watete zu dem Floß. Ein Wort kam ihm in den Sinn, eine dieser unbekannten Lautbildungen, die manchmal aus seiner Erinnerung auftauchten. Er ergriff den Rand des Fahrzeugs und kletterte hinein. Da kippte der Mann auf die Seite. Ulv packte ihn unter den Armen und hob ihn ins Wasser. Das Fahrzeug war kaum länger als ein Mann, so dass nicht genug Platz für sie beide war.
Ulv fuhr mit der Hand über die merkwürdigen Planken. Sie waren flach gehauen und glatt und so dicht aneinander geschoben, dass das Wasser nicht hindurch kam. Damit konnte er über den See kommen.
„Boot ..." Das Wort tauchte aus seinen vergessenen Gedanken auf. Das war ein Boot. So musste er dieses Ding nennen. Das Boot konnte ihn über den See bringen.
Ulv setzte sich auf den Querholm und rutschte hin und her. Das Boot folgte seinen Bewegungen. Wasser spritzte über den Rand, während ihn die Wellen hin und her schaukelten. Er lächelte. Es war angenehm, so auf dem Wasser zu fliegen.
In diesem Moment musste er an den Toten denken. Er trieb auf der Wasseroberfläche zwischen dem Boot und den Uferbäumen. Der Pfeil ragte aus seinem Rücken. Er hatte rote, gerade Steuerfedern. Das schien ein guter Pfeil zu sein.
Ulv sprang ins Wasser und zog das Boot an Land, so weit zwischen die Bäume, dass die Wellen es ihm nicht mehr rauben konnten. Dann watete er zu dem Mann, packte seinen Arm und zog ihn hinter sich her. Er kletterte zwischen die Bäume und zog den Toten aus dem Wasser, und erst in diesem Moment bemerkte er die Zeichen auf der Brust des Mannes. Der halbrunde Kreis sah wie ein Brandzeichen aus. Ulv drehte den Mann auf den Bauch und stach sein Messer neben dem Pfeil ins Fleisch. Er legte sein ganzes Gewicht auf den Schaft des Messers und drückte die Klinge vor und zurück, denn er wollte den Pfeil in einem Stück heraus bekommen. Verwesungsgestank quoll ihm entgegen, als er den Pfeil aus der Wunde zog. Er wischte sein Messer im Gras ab, ehe er sich über die Decke beugte, die sich der Mann umgebunden hatte. Sie war dünn, doch er brauchte keine Decke, solange er das Bärenfell hatte. Er betastete das Ledersäckchen des Toten. Es war schwer und mit etwas Hartem gefüllt. Ulv schnitt es los und wog es in der Hand. Dann schnürte er es auf und kippte den Inhalt auf den Boden. Goldene Steine klirrten und schimmerten ihm entgegen. Es waren viele. Er nahm eines der runden Stücke und roch daran. Das waren keine Steine. Es war goldenes Eisen. Alle Stücke waren flach und rund und trugen das gleichen Zeichen, das auch in die Brust des Mannes eingebrannt war. Ulv sammelte sie ein und steckte sie wieder in das Ledersäckchen. Er wollte die seltsamen Eisenstücke mitnehmen und am Strand sein Lager aufschlagen, denn dieses Wäldchen gefiel ihm nicht. Der Tote konnte hier liegen bleiben und das Boot bewachen.
Ulv ging zum Strand zurück, steckte den Pfeil in seinen Köcher und zog sich an. Das Ledersäckchen band er an seinen Gürtel, ehe er am Spülsaum entlang schlenderte und Stöcke und trockene Zweige sammelte. Dabei blickte er nach Süden und sah die Wolken, die sich zusammenballten. In den Bergen konnte er Regen immer schon drei Tage im Voraus erkennen. Hier waren die Wolken aufgetaucht, während er im Wäldchen gewesen war, und jetzt musste er sich bereits beeilen, genug Holz zu finden und das Fell aufzuspannen.

Es war dunkel, als er sich endlich ans Feuer setzen konnte. Er hatte die Sehnen aufgewickelt, die er am Boden des Pfeilköchers versteckt hatte und damit das Bärenfell schräg zwischen den Bäumen aufgespannt. Es hatte bereits begonnen, aus dem schwarzen Himmel zu regnen. Er zog sein Messer, wischte es an seiner Hose ab und suchte den Flintstein heraus. Während er Funken auf die Birkenrinde schlug, blickte er über Strand und Wellen. Es war lange her, dass es zum letzten Mal geregnet hatte. Er sollte sich freuen, doch stattdessen kamen mit dem Regen die schweren Gedanken. Er vermisste den Wald und die Berge. Er vermisste das Heulen der Wölfe am Abend. Es gab so vieles in diesem fremden Land, das er nicht verstand. Im See gab es keine Muscheln, obgleich die Steine am Grund rund und glatt waren, wie es die Muscheln liebten. Am Waldrand waren keine essbaren Wurzeln und im Innern des Wäldchens war bloß ein Mann, der mit einem Pfeil im Rücken hierher gepaddelt war. Er fragte sich, warum der halbnackte Mann erschossen worden war. Die Narben auf seinem Rücken und das Brandzeichen verrieten, dass er gefoltert worden war. So etwas taten sie hier unten im Süden miteinander, auf jeden Fall, wenn er nur die Hälfte von dem glauben sollte, was ihm die Barkas erzählt hatten. Die Menschen hier unten hielten sich Sklaven, hieß es. Ulv strich sich über die Haare und schlang die Arme um sich. Das Feuer brannte schlecht. Die Flammen mochten den Regen nicht.
Er blickte über das Wasser. Die Wellen zeichneten weiße Streifen ins Dunkel. Der See atmete schwer und brauste auf den Strand. In den Bäumen rauschte der Wind. Wasser troff von den nassen Blättern. Er konnte hören, wie die Böen im Gras der Steppe wisperten. Er war hungrig. Heute Nacht würde er nicht schlafen.

***

Als der Morgen anbrach, regnete es noch immer. Ulv hatte sein Lager abgebrochen und war wieder in das Uferwäldchen gegangen. Er legte seinen Wasserschlauch und das Bärenfell in das Boot und schob es ins Wasser. Ehe er einstieg und sich auf das Ruderbrett setzte, warf er noch einen letzten Blick auf den Toten zwischen den Stämmen. Den Bogen legte er zwischen seine Füße auf den Boden des Bootes. Er hatte das Wasser bereits herausgeschöpft, wusste aber, dass er bis auf die Knochen nass werden würde, wenn er erst auf dem offenen See war. Doch Ulv war bereits unzählige Male durch Regenwetter gewandert und jetzt im Sommer würde er nicht frieren. Er nahm eines der Ruder und schob sich aus der schmalen Bucht. Das Boot glitt unter den herabhängenden Zweigen hindurch. Ulv steckte das Ruder ins Wasser. Es erreichte knapp den Boden. Dann kniete er sich hin und begann zu paddeln. Das Rauschen in den Baumkronen wurde schwächer und die Wellen schwappten gegen das Boot.
Ulv fand schnell heraus, dass er besser paddeln konnte, wenn er sich auf den Querholm setzte, doch das Boot war schwer und drehte sich bei jedem Zug. Er sah auf das andere Ruder und fragte sich, warum es zwei davon gab. Mit einem Ruder in jeder Hand konnte er doch nicht paddeln.
Als eine Welle gegen den spitzen Bug vor ihm schlug, zog Ulv das Ruder ein und hielt sich am Dollbord fest. Zwei Pinne waren auf jeder Seite des Querbretts auf dem Dollbord befestigt und er konnte sich gut daran festhalten, als die Wellen das Boot schaukelten. Er hatte nicht geglaubt, dass es so schwer sein würde, zu paddeln, doch hier draußen hatte er sowohl die Strömung als auch den Wind gegen sich. Bis zurück an Land waren es nur wenige Pfeilschüsse und der Gedanke, wieder zurück zu fahren, lockte ihn. Trotzdem packte er das Ruder und trieb es durch das Wasser. Er wollte wissen, was dort auf der anderen Seite des Sees hinter dem Nebel lag. Es war wie ein stiller Lockruf, der über den See schallte und ihn mit all seinen unentdeckten Ländern anzog.
Das Boot wurde plötzlich angehoben und Ulv stürzte zur Seite. Er stützte sich auf die Ellbogen hätte aber beinahe das Ruder verloren. Es rutschte aus seinen Händen und fiel zwischen den beiden Pinnen auf die Bordwand. Zu seinem Erstaunen blieb es dort liegen. Die Pinne schienen als Stützen für die Ruder dort befestigt worden zu sein. Er zog es durchs Wasser. Das Boot drehte sich um das Ruder herum und tauchte in ein Wellental. Ulv strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und blieb eine Weile still sitzen und lauschte dem Regen, der auf das Wasser und die Wellen trommelte, die gegen die Bootswand schlugen. Es war erstaunlich, dass es auf jeder Seite des Bootes solche Pinne gab, dachte er und drehte das Ruder in seiner Hand. Es gab zwei Ruder und zwei Paar solcher Pinne. Er wandte das Gesicht in den Regen und schloss die Augen. Das Boot drehte sich, wenn er nur ein Ruder benutzte.
Er öffnete die Augen und legte das Ruder auf die andere Seite des Bootes, ehe er es erneut durchs Wasser zog. Jetzt drehte sich das Boot in die andere Richtung. Ulv kratzte sich im Nacken. Vielleicht verhielt es sich mit einem Boot wie mit einem Mann. Die Ruder waren die Beine. Die Ruder waren Beine und wenn er ein Ruder auf jede Seite legte, konnte er über das Wasser wandern. Er machte es so, wie er es sich in seinen Gedanken vorstellte, und zog beide Ruder durchs Wasser. Das Boot beschleunigte und hob sich rauschend über eine Welle, Ulv lachte. Er hatte es herausgefunden. Jetzt hatte das Boot beide Beine im Wasser. So konnte er über den See kommen.
Ulv erkannte schnell, dass es besser war, mit dem Rücken zu seinem Ziel zu sitzen. Er bewegte sich vor und zurück, zog die Ruder an und drückte sie wieder hoch, eher er sie wieder ins Wasser tauchte und sich erneut zurücklehnte.
Das Wasser am Bug des Bootes spritzte und zeichnete eine Spur aus Schaumwirbeln hinter sich.

Als die Sonne im Westen langsam zu sinken begann, war er weit draußen auf dem See. Er ruderte noch bis zur Dämmerung, doch als die Nacht hereinbrach, bekam er Angst und zog die Ruder ein. Er kauerte sich am Boden des Bootes zusammen und zog das Bärenfell über seinen Kopf. Es hatte zu regnen aufgehört und auf dem riesigen, schwarzen See spiegelten sich die Sterne und der Vollmond. Er hatte den ganzen Tag über ohne Unterbrechung gerudert, ja er hatte nicht einmal etwas getrunken. Erst jetzt löste er die Verschnürung an seinem Wasserschlauch und trank gierig. Der Hunger schmerzte in seinem Bauch, doch er wusste, dass es noch lange dauern konnte, bis er etwas zu essen fand.
Als er spürte, dass das Boot in ein Wellental glitt, stemmte sich Ulv auf die Ellenbogen und blickte über den Rand des Bootes. Wasser soweit das Auge reichte. Er wusste, dass der Strand und das Wäldchen irgendwo dort hinten im Dunkeln lagen, doch es war jetzt ein ganzer Tag bis dorthin zurück. Wieder kauerte er sich zusammen und versteckte sich unter dem Bärenfell. Vielleicht hatten ihn böse Geister hierher getrieben. Vielleicht missgönnte Ekserk ihm sein Jagdglück und hatte ihn mit seinen Liedern hierher gelockt, um ihn zu ertränken. Und wenn es kein Gott war, der ihm etwas Böses wollte, so gab es viele andere Geister, die gerne ihr Unwesen mit Jägern wie ihm trieben. Er kannte ihre Namen nicht, denn die Barkas meinten, es brächte Unglück, die Namen „der Alten" auszusprechen.
Ulv legte die Hand auf den Schaft seines Messers und kniff die Augen zusammen. Es war verrückt gewesen, hierher zu rudern. Hier draußen gab es kein einziges Versteck. Der ganze See sah ihn. Er wusste nicht, wie tief das Wasser unter ihm war, doch sicher tiefer als der größte Baum in den Tälern hoch war. Vielleicht lebten dort unten Ungeheuer. Er musste sich still verhalten, so dass sie ihn nicht bemerkten. Nur flach atmen und an die Worte der Geister denken.

Ulv lag eine Weile zitternd da, doch er war müde von dem langen Rudern und vor Hunger erschöpft, so dass er bald einschlief. Der alte Traum kam wieder zu ihm, und er sah sich selbst durch unbekannte Berge wandern. Sein Gesicht war bartlos: Er hatte den Körper eines Jungen. Um ihn herum war Nebel, Regen lag in der Luft. Irgendwo, weit hinter ihm, rief jemand seinen Namen. Aber die Stimme war weit entfernt und vor ihm ertönte das Heulen so vieler Wölfe. Er ging weiter, stolperte über bemooste Steine und kletterte an einer Felswand entlang. Ein Wind kam auf und er ging auf diesen Wind zu und sah, wie sich der Nebel um ihn herum lichtete. „Ulv ... Ulv ...." Die Stimme erstarb, doch das Wolfsheulen lockte ihn weiter. Vor sich sah er die Wölfe. Sie liefen rasch und sahen vor der Felswand wie graue Vögel aus. Jetzt lichtete sich der Nebel vollends und er sah das Tal und die Ebene, diese endlose Ebene. Es roch nach Gras und Sturm. Er ging weiter. Dort unten, ein paar Steinwürfe vor dem Fichtenwald, standen die Wölfe. Sie warteten auf ihn. Er sollte jetzt wandern. Er sollte wie sie werden.

***

Am nächsten Tag ruderte Ulv weiter. Der Wind hatte gedreht und trieb jetzt das Boot mit den Wellen vor sich her. Der Nordwind brachte kälteres Wetter mit sich. Die Sonne verschwand hinter Wolken, doch das war Ulv nur recht. Er ruderte im Takt mit den Wellen und mit jedem Ruderschlag schoss das Boot mehrere Körperlängen vorwärts. Mit der Geschwindigkeit würde er bald dort sein, dachte er und warf einen Blick über die Schultern, doch das Ufer war noch weit entfernt.
Erst gegen Mittag ruhte er aus. Der Hunger quälte ihn jetzt, er brannte in seinem Magen und vertrieb alle anderen Gedanken. Er blickte über den Bootsrand in die Tiefe, konnte aber weder Seegras noch Fische erkennen.
Während die Dämmerung über dem Wasser hereinbrach und sich der Nebel wie ein dünner Schleier auf die Wellen legte, entschloss sich Ulv, die Nacht durch zu rudern. Er wollte sich dem bösen Geist widersetzen, der ihn auf den See gelockt hatte. Wenn er das Ufer erreichte, würde er Nahrung finden und wieder zu Kräften kommen, und dann könnte er in eine andere Richtung weiter wandern. Er war nie weit nach Osten gekommen, doch die Wälder, die er von den Bergen aus gesehen hatte, schienen fruchtbar und voller Wild zu sein. Dort konnte er neue Jagdgründe finden und mit der Zeit dann wieder nach Norden wandern. Sollte er Jagdglück haben, könnte er im Laufe des Winters wieder in die Täler hineinwandern. Er würde Hirsche und Hasen töten, das Fleisch trocknen und sich satt und fett essen.
Das Geräusch vertrieb seine Gedanken. Ein scharfer, ungewohnter Klang. Er drehte sich halb um, zog die Ruder aus dem Wasser und lauschte. Wieder hörte er dieses Geräusch. Es war nur leise und erinnerte an den Klang, wenn man einen Flintstein gegen eine Messerklinge schlug, wenn es auch höher und klarer war. Der Ton kam aus dem Nebel, aus dem dunklen Nebel vor dem Boot. Er legte den Kopf auf die Seite. Vielleicht hatte der Wind den Nebel dort vorne zusammengetrieben, so dass er das Ufer verdeckte. Der Hunger gurgelte in seinem Magen. Dort im Nebel war Land. Er setzte sich auf den Querbalken und schob die Ruder ins Wasser.

Ulv erreichte die Nebelbank inmitten der Nacht. Die Sommernächte sind niemals so dunkel wie die Nächte im Herbst, doch als das Boot in den Nebel trieb, schloss ihn absolute Dunkelheit ein. Die Geräusche waren verstummt, doch jetzt nahm er den Geruch von Kot, Schweiß und Leder wahr. Es roch wie an den Lagerplätzen der Barkas, nur stärker. Das war der Geruch von Männern und Frauen. Sie würden ihm Nahrung geben, das wusste er. Die Barkas taten das immer.
Die Geräusche wurden lauter, je mehr sich das Boot dem Ufer näherte. Er hörte Stimmen und Gelächter und irgendwo weinte jemand. Das Boot lief auf dem sandigen Boden auf und Ulv zog die Ruder ein und stieg ins Wasser. Er war an einem Sandstrand, und als er das Boot an Land zog, bemerkte er, dass dort noch weitere Boote lagen. Alle waren wie sein eigenes Boot gebaut. Einige waren größer und in diesen lagen Berge von Netzen. Ulv schnupperte an einem davon, denn sie rochen nach Fisch. Aber er fand nichts zu essen.
Er nahm Wasserschlauch, Bogen und Bärenfell mit und befestigte den Pfeilköcher an seinem Gürtel. Der Nebel machte es schwierig, etwas zu sehen, doch etwa einen Steinwurf vor sich, erkannte er, dass das Gelände anstieg. Er spannte seinen Bogen und hängte ihn sich über die Schulter, ehe er vorsichtig weiterging.
Die Geräusche wurden deutlicher, als er den steilen Hang emporkletterte. Es waren die Stimmen von Männern, Schritte und Gelächter. Schweißtropfen bildeten sich auf Ulvs Stirn. Sein Hals schnürte sich zu und schmerzte wie immer, wenn er sich seiner eigenen Rasse näherte. Er wusste, dass er sich bald wieder Worte abringen müsste. Die Männer würden über ihn lachen, und die Frauen würden am Rand des Lagerfeuers stehen und ihn anstarren. Aber er brauchte etwas zu essen. Und wenn der Morgen kam, konnte er weiterziehen.
Der Hang endete etwa eine Baumlänge über dem Strand. Der Nebel war hier oben nicht minder dick, doch die Geräusche und Gerüche, die ihm entgegen strömten, verrieten ihm alles, was er wissen musste. Hier lebten Menschen, vielleicht mehr als im größten Stamm der Barkas. Es roch nach Vogelkot und verschwitzten Hunden und vor kurzem musste ein frisch getötetes Beutetier ins Lager getragen worden sein. Er roch das Blut des Tieres, doch nahm er auch noch andere Gerüche wahr, süße Düfte, wie von Blumen und Honig und den Geruch von Harz, Rinde und faulenden Früchten.
Ulv schlich weiter. Er kam auf einen Pfad, hockte sich hin und fuhr mit der Hand über die Fußabdrücke in dem getrockneten Lehm. Das waren keine Barkas, die hier lebten. Die Barkas machten keine so tiefe Spuren, denn sie gingen leicht und wühlten den Boden nicht mit ihren Zehen auf. Er blinzelte durch den Nebel. Der dunkle Schatten dort vorne war sicher eine Erdhütte.
Er legte einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens und schlich sich zur Hütte. Dort blieb er stehen, doch es war keine Erdhütte. Er legte seine Hand an die Wand des Blockhauses. Solche Hütten kannte er aus seinen Träumen. Sie waren aus Holzstämmen erbaut, die übereinander gestapelt worden waren, doch er hatte sie noch niemals zuvor gesehen. Die Wand war hart wie Fels. Er streckte seine Hand zum Dach aus und berührte die breiten Rindenbahnen. Auf dem Dach wuchs Gras.
Er hörte ihn, ehe er ihn sah. Das Knurren im Nebel kam von einem Hund. Ulv spannte den Bogen, stellte sich mit dem Rücken an die Wand und zielte in Richtung des Geräusches. Der Hund kam auf ihn zu. Noch niemals zuvor hatte Ulv einen derart kleinen Hund gesehen, das Tier reichte ihm nicht einmal bis ans Knie. Es war graugescheckt mit schwarzen Flecken und knurrte ihn an wie eine Hündin mit Welpen. Ulv senkte seinen Bogen und steckte den Pfeil wieder in seinen Köcher, doch als er sich hinkniete, um den Hund zu berühren, fletschte dieser die Zähne und verschwand um die Hausecke. Ulv folgte ihm und entdeckte ihn auf einem Haufen Knochen und Sehnenreste. Er bellte, als Ulv seine Hand danach ausstreckte. Dann nahm er eine Rippe in sein Maul und trollte sich. Ulv hockte sich über die Knochen. Die Sehnenfetzen waren verfault, doch er fand ein paar Knochen mit Fleisch- und Knorpelresten, die er hinter seinen Gürtel schob, ehe er weiter an der Hauswand entlang schlich.
Auf der anderen Seite der Hütte war ein Brennholzlager. Ein schräges Rindendach schützte die hohen Holzstapel. Ulv kroch hinein und versteckte sich hinter einem der Stapel. Es roch nach Schimmel und Rinde, aber der Boden war trocken. Er legte sich den Wasserschlauch zwischen die Beine und nahm den Pfeilköcher von seinem Gürtel. Er konnte im Nebel nichts erkennen, glaubte aber, dass vor dieser Hütte ein offener Platz lag. Wenn der Morgen kam, würde er vielleicht mehr sehen. Doch jetzt musste er essen.
Ulv nagte an den Knochen und saugte Fett und Knorpel ein. Irgendwo vor der Hütte gingen ein Mann und eine Frau vorbei, die miteinander sprachen. Er verstand sie nicht, doch sie hatten ihn wohl nicht gehört. Als sich ihre Schritte entfernten, zog Ulv sein Messer und schlug mit dem Schaft gegen den Knochen. Er zertrümmerte ihn auf einem Holzscheit und saugte das Mark aus den Splittern. Das war gehaltvolle Nahrung, das wusste er. Knochenmark hielt im Winter warm und gab dem Jäger Kraft. Er schlang es in sich hinein und warf die abgenagten Knochen weg. Dann lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand und schloss die Augen. Auf dem See hatte er nicht gut geschlafen. Jetzt war er müde und solange es so neblig war, war er an diesem Ort sicher.
Doch Ulv fand keinen richtigen Schlaf. Er fiel in einen unruhigen Dämmerschlaf und öffnete bei jedem menschlichen Laut, der durch den Nebel zu ihm drang, die Augen. Ferne Erinnerungen kamen zu ihm und er erinnerte sich an Träume, die er seit unzähligen Wintern nicht mehr geträumt hatte. Vielleicht waren es die fremden Geräusche, die diese Erinnerungen in ihm weckten. Denn wenn er die Augen schloss, sah er viele Blockhäuser und zwischen diesen Häusern liefen bärtige Männer und Frauen mit langen Haaren herum. Sie trugen Speere und Bögen und manche von ihnen saßen auf geweihlosen Hirschen, die sie durch die Wälder oder an den Felsen entlang trugen. Er sah graue Hunde und hatte selbst wieder die Gestalt eines Kindes. Er ging zwischen den Blockhütten hindurch und kam auf einen offenen Platz. Dort blickte er zum Himmel und rings herum reckten die Berge ihre gezackten Gipfel in die Wolken. Überall um ihn herum erklangen Stimmen, vertraute Stimmen. Ein Mann hockte sich vor ihm hin. Er hatte blaue Augen. Der Wind hob seine langen Haare an, doch dort, wo ein Ohr hätte sein sollen, befand sich bloß eine lange, weiße Narbe. Dann waren die Stimmen wieder da. Hunde bellten. Die Hirschtiere rannten durch den Wald und der Mann mit dem einen Ohr hob ihn hoch und trug ihn zu einer der Hütten. Er roch nach Fell und Schweiß. Er roch nach Sicherheit.
Ulv hockte dort hinter dem Holz, bis der Morgen anbrach. In der Dämmerung frischte der Nordwind auf und der Nebel begann zwischen den Blockhütten hindurch zu treiben. Auf dem offenen Platz standen viele Hütten. Der Holzschuppen stand etwas abseits am Rand des Platzes, doch als Ulv sich hinhockte und hinausschaute, erkannte er, dass sich das Dorf mindestens einen Pfeilschuss weit erstreckte. Am südlichen Ende, einen guten Steinwurf entfernt von dem Hang, der zum Strand hinunterführte, standen die Häuser dichter. Und irgendwo hinter diesen Hütten zog sich der Fichtenwald wie eine graue Mauer um das Dorf. Zwei Türme überragten die Bäume und jetzt erkannte Ulv, dass dort oben Menschen standen. Er zuckte zurück und versteckte sich wieder hinter dem Holzstapel. Eine Tür auf der anderen Seite des Platzes knirschte.. Eine Frau war herausgekommen. Sie trug ein langes Kleid und hatte die Haare im Nacken zusammengebunden. Ulv sog die kühle Morgenluft ein. An der Ecke der Hütte stand eine Wassertonne und jetzt beugte sich die Frau darüber und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Sie hob ihre Haare an und rieb sich den Nacken. Er konnte sie von seinem Versteck aus riechen. Es war lange her, dass er zuletzt eine Frau gerochen hatte. Noch länger lag es zurück, dass er eine zu Gesicht bekommen hatte. Sie weckten in ihm immer so ein seltsames Gefühl. Ihm wurde warm in der Brust und ihr Geruch zog ihn an, doch er wagte es nicht, sich zu bewegen.
Eine weitere Tür wurde geöffnet. Ulv konnte nicht erkennen, wo, doch er hörte eine raue Männerstimme. Bald erklangen Axtschläge im Dorf und immer mehr Menschen tauchten auf dem Platz auf. Er sah bärtige Männer mit struppigen Haaren und Frauen jeden Alters mit Wasserschläuchen und Eimern in den Händen. Auch Kinder waren dort draußen, manche so klein, dass die Frauen sie in Tüchern auf dem Rücken trugen. Ein starker Geruch von Schweiß, Haut und Leder breitete sich auf dem Platz aus. Die Männer riefen einander etwas zu. Einige versammelten sich in der Mitte des Platzes. Sie schlugen einander auf die Schultern, lachten und redeten miteinander.
Plötzlich hörte Ulv Schritte vor seinem Versteck. Er kauerte sich hinter den Holzstapel zusammen und zog sein Messer. Trockene Zweige und Rinde knackten unter den leichten Schritten. Er blickte an dem Holzstapel vorbei und sah ein Kind, das an den Holzscheiten herum knibbelte. Das Mädchen blickte in Richtung des Halbdunkels, in dem er hockte, ehe sie weiter in den Schuppen hinein ging. Ulv hielt den Atem an. Sie summte etwas, während sie die Rinde von einem frischen Birkenscheit zog. Dann ging sie weiter, bis sie schließlich auf der anderen Seite des Holzstapels stand, hinter dem Ulv hockte. Ulv sah sie durch die Scheite. Er hoffte, dass sie wieder ging, dass sie ihr Holz holte und ihn in Frieden ließ. Doch das Mädchen beugte sich zu Boden und hob etwas auf. Es war ein Knochensplitter. Sie steckte sich die Haare hinter die Ohren und begann die Splitter einzusammeln. Ulv warf einen Blick auf den Boden. Er hatte die Knochensplitter weggeworfen und diese zogen sich jetzt wie eine Fährte um den Holzstapel herum. Das Mädchen sammelte sie in ihre Rockschürze und kam immer näher. Ulv versteckte das Messer hinter seinem Rücken, denn jetzt tauchte sie an der Seite des Stapels auf. Sie hockte sich hin, sammelte die letzten Splitter ein und legte sie zu den anderen. Dann blickte sie auf. Sie starrte ihn mit großen Augen an, ehe sie ihren Mund öffnete und etwas sagte, aber er verstand sie nicht.
„Wolfsmann", flüsterte Ulv.
Das Mädchen lächelte ihn an. Sie streckte ihm ihre kleine Hand entgegen, berührte sein Knie und ging wieder um den Holzstapel herum. Er hörte ihre Schritte auf der Rinde, ehe sie aus dem Schuppen trat und in Richtung einer der Hütten lief. Eine Tür wurde geöffnet und dann hörte er weitere Stimmen. Das Mädchen sagte viele Worte, doch eines davon erkannte er wieder. „Wolfsmann", sagte sie. „Wolfsmann."
Ulv kroch aus dem Holzschuppen. Er wusste, dass er entdeckt worden war. Früher oder später musste er heraus und sich den Menschen zeigen. Ein Mann mit einer Axt trat aus der Hütte. Ulv nahm Wasserschlauch und Pfeilköcher und trat auf den Platz. Der Mann folgte ihm mit dem Blick, doch er ging ihm nicht nach. Ulv hängte sich den Wasserschlauch über die Schulter und blieb stehen. Überall um ihn herum waren Menschen. Frauen in langen, blau gefärbten Kleidern gingen an ihm vorbei, flüsterten sich etwas zu und hasteten in Richtung Strand. Männer in schmutzigen Umhängen lehnten sich auf ihre Speere und betrachteten ihn. Immer mehr Menschen traten aus ihren Hütten. Die Dorfbewohner hatten ihn nun auch entdeckt und die Frauen hielten ihre Kinder fest. Es gefiel Ulv gar nicht, dass sie ihn so anstarrten, und so drehte er ihnen den Rücken zu und ging in die andere Richtung des Platzes. Doch auch dort standen Menschen und beobachteten ihn. Einige von ihnen riefen etwas, doch er verstand nicht, was sie sagten.
Langsam ging er an den Menschen vorbei. Alle trugen einen Bart und hatten wie er dunkle Haare. Ihre Augen waren braun wie bei den Barkas.
„Wolfsmann." Ulv deutete auf sich selbst, während er die in Leder gekleideten Jäger betrachtete, denn er hoffte, dass sie von ihm gehört hatten. Doch die Männer steckten bloß die Köpfe zusammen und murmelten etwas, ohne ihn dabei aber aus den Augen zu lassen.
Bald erreichte er die andere Seite des Platzes. Hier standen die Hütten dicht an dicht. Er begann auf die Türme am Südende des Dorfes zuzugehen, denn auf dem offenen Platz fühlte er sich nicht wohl. Er schlich sich an sonnengebleichten Hüttenwänden, Holzstapeln, Wassertonnen und Gestellen vorbei, an denen Tierhäute zur Reinigung aufgespannt waren. Hunde bellten ihn aus ihren Verstecken zwischen den Hütten an und Kinder wurden durch die schmalen Hüttenöffnungen nach drinnen gerufen.
„Wolfsmann", er raschelte mit der Zahnkette, denn daran erkannten ihn die Barkas immer. „Essen". Er fuhr sich mit der Hand über den Bauch und öffnete seinen Mund, doch sie antworteten ihm mit bösen Blicken und fauchten ihm Worte entgegen, die er nicht kannte. So wandte er seinen Blick von ihnen ab und schlug sich das Bärenfell enger um die Schultern. Unablässig gingen Menschen an ihm vorbei, während er sich an den Häusern entlang schlich. Ulv blickte auf der Suche nach weiteren Knochenresten hinter die Ecken der Häuser, doch er konnte nichts finden. Trotzdem lag ein Dunst von Fleisch und Blut zwischen den Hütten, der ihn weiter nach Süden, in Richtung der Türme lockte. Es war der Geruch von frisch geschlachteten Tieren, den er schon in der Nacht wahrgenommen hatte, als er den Hügel vom Strand empor gestiegen war.
Das Dorf endete einen Steinwurf vor dem Waldrand. Ulv trat zwischen den Hütten hindurch und bemerkte, dass er auf einen anderen Platz gekommen war, doch hier waren weniger Menschen. Die Türme waren aus dicken Stämmen errichtet worden und ragten drei Baumlängen über ihm in die Höhe. Hinter den Türmen öffnete sich der Wald für einen breiten Weg, der in das Halbdunkel unter den Bäumen führte. Diesen Weg musste er nehmen. Er spürte, dass dies der richtige Weg war. Doch erst brauchte er etwas zu essen. Er sah sich um. Ein Rudel struppiger, langbeiniger Hunde war an einem der Türme angebunden. Ulv kannte diese Rasse. Auch die Barkas hatten Halbwölfe. Er trat auf den Platz und die Halbwölfe standen auf und nahmen seine Witterung auf. Doch Ulv ging nicht zu ihnen hinüber, denn jetzt hatte er entdeckt, woher der Blutgeruch kam. An der Ostseite des Platzes war ein Gestell errichtet worden, an dem zwei Männer einen Hirsch zerlegten. Sie schnitten das Fleisch in Streifen und hängten es zum Trocknen über Sehnen. Der Hirsch war auf den Rücken gedreht und die Eigenweide waren herausgezogen und auf ein Bett aus Fichtenzweige gelegt worden. Ein Junge leerte die Därme aus, wobei er sie durch zwei Finger zog und den Inhalt in einen Krug drückte.
Die Männer erblickten ihn jetzt. Er ging auf sie zu, zeigte ihnen seine offenen Handflächen und lächelte. Der Junge lächelte zurück, doch einer der Männer zog ihn hoch und drückte ihn an sich.
„Wolfsmann", Ulv fasste sich an den Bauch. „Essen."
Die Männer zogen die Stirn in Falten und ließen ihn nicht aus den Augen. Beide waren klein und dick und starrten ihn unter buschigen Augenbrauen hinweg an. Sie schienen ihn nicht zu verstehen und so zog Ulv sein Messer und hockte sich bei der Beute hin. Er stach in die entbeinte Keule, löste eine Faser Fleisch und trennte sie ab. Es war gutes Fleisch, lag schwer in der Hand und troff vor Blut. Er schnitt ein fingergroßes Stück ab und steckte es in seinen Mund.
Da griff einer der Männer zu einer Axt und kam auf ihn zu. Er hob sie drohend in die Höhe und zeigte auf das Hirschfleisch. Ulv wich vor ihm zurück, doch der Mann folgte ihm. Der Jäger gebärdete sich wild, woraufhin weitere Männer angerannt kamen. Ulv warf einen Blick zum Waldrand, doch für eine Flucht war es zu spät. Sie umzingelten ihn mit Messern und Speeren und trieben ihn zu dem dicken Mann.
„Essen." Ulv reckte das Fleisch über seinen Kopf, damit sie es sehen konnten. „Hirsch. Wolfsmann Hunger."
Sie waren taub für seine Worte. Er spürte das warme, zitternde Gefühl in seinen Armen. Er musste töten, er musste angreifen, ehe sie es taten. Seine Hand legte sich auf den Griff des Messers.
Da trat ein großer, bartloser Mann aus der Menge. Über den Schultern trug er einen abgenutzten Umhang und seine nackten Füße waren mit ledernen Strümpfen umwickelt. Er hob seine Hände über den Kopf und rief den Jägern etwas zu, woraufhin es still wurde.
„Handelssprache?" Der Große strich sich durch seine kurzgeschnittenen Haare. „Du sprichst Handelssprache, nicht wahr? Woher kommst du, Fremder? Ulverham oder Firt? Bist du an Kargaths Pforte zurückgewiesen worden? Ich hoffe nur, dass es Gold ist, was du dort in deinem ledernen Säckchen aufbewahrst, denn hier in Alvar knüpfen wir Diebe auf."
Ulv schluckte hart. Er erkannte einige der Worte wieder, verstand aber nicht, was der Mann sagte. „Wolfsmann Hunger, ich." Er schnupperte an dem Fleisch, wie um zu zeigen, was er meinte.
„Du hast Hunger, sagst du!" Der Mann deutete auf das Ledersäckchen an seinem Gürtel. „Bezahl, dann bekommst du zu essen."
Ulv blickte auf das Säckchen, das er bei dem toten Mann im Boot gefunden hatte. In diesem Lederbeutel waren die runden Stücke, die in der Sonne glänzten.
„Gib es mir", sagte der Mann.
Ulv verstand diese Worte, er löste den Gürtel, zog das Säckchen herunter und reichte es dem Mann. Der Große wog den Beutel in der Hand und lächelte breit. „Ist das vielleicht Gold? Ich zähle es gerne für dich. Ich mache dir einen guten Preis, Fremder." Er hob seine Stimme und brüllte den Jägern etwas zu, und alle brachen in Lachen aus. Ulv gefiel das nicht. Er hielt seine Hand am Messer und drückte mit der anderen das Fleischstück auf seine Brust, denn er hatte Angst, sie könnten es ihm wegnehmen.
„Einen guten Preis", grinste der Große. Er öffnete das Säckchen und schüttete die Hälfte in seine Hand. „Wir Jäger nehmen nicht mehr als wir brauchen. Den Rest bekommst du zurück." Er ließ das Säckchen los und Ulv kniete sich hin, um es aufzuheben. Die gelben Stücke waren auf den Boden gefallen, denn der große Mann hatte den Beutel nicht wieder zugeschnürt. Das war nicht die Gastfreundschaft, die er von den Barkas kannte. Ihre schmutzigen Beine umringten ihn. Er nahm das Säckchen und versuchte wegzukrabbeln, aber sie versperrten ihm den Weg. Ulv kam wieder auf die Beine. Er drehte sich hin und her und suchte nach einem Ausweg, doch die Jäger standen grinsend Schulter an Schulter um ihn herum. Sie waren kleiner als er, so dass er über ihre Köpfe hinweg auf die Blockhütten schauen konnte. Immer mehr Menschen kamen angerannt. Die Männer oben in den Türmen schrien etwas über das Dorf.
„Zwei, vier, sechs ..." Der Große blinzelte auf die goldenen Stücke, drehte und wendete sie und unterbrach plötzlich sein Zählen. Er rief den Jägern etwas zu, die den Hirsch zerlegten, und die dicken Männer kamen zu ihm. Er zeigte ihnen die Goldstücke und sie betrachteten sie genau.
„Trar", brummte der eine. Seine Miene wurde hart und tiefe Falten zogen sich über sein Gesicht, als er Ulv ansah. „Gold da Trar."
Ulv spürte einen Speerschaft im Rücken. Er drehte sich um, zog sein Messer und stieß in die Menge. Einer von ihnen spuckte ihn an. Ulv fauchte zurück. Diese Jäger waren ihm böse gesinnt. Er musste sehen, dass er weg kam.
Wieder stieß ihm jemand in den Rücken. „Gold da Trar!" Die Rufe ertönten rings herum. „Trar-Gold."
Ulv schwang seine Faust in eines der schreienden Gesichter. Der Mann stürzte nach hinten in die Menge. Wieder wurde ihm ein Speerschaft auf den Rücken geschlagen. Ulv stach mit seinem Messer um sich, doch die Jäger schlugen ihm auf die Hände und stürzten sich ihm auf den Rücken. Sie brüllten ihn an, packten seine Arme, schlugen ihm mit Stöcken in die Kniekehlen und zerrten ihn zu Boden. Das Stück Fleisch und der Wasserschlauch rutschten aus seinen Händen. Sie rissen ihm den Pfeilköcher weg und drückten ihn ins Gras. Ulv rang nach Atem. Die Halbwölfe heulten.

Ulv wurde gefesselt und zu den Türmen geschleppt. Dort banden sie seine Arme an die Tragbalken und ließen ihn mit dem Rücken zum Platz stehen. Er versuchte, sie zu verstehen, doch diese Sprache hatte er noch niemals zuvor gehört. Außerdem war ihm durch die Schläge in den Magen übel geworden. Seine Stirn brannte. Blut rann über seine Nase. Er zitterte. Er hatte Angst vor diesen Menschen. Sie taten ihm Böses an.
Ein Mann kam zu ihm. Ulv zerrte an den Tauen. Er stand mit dem Rücken zu dem Fremden und sah nicht, was dieser tat. Doch er spürte die Klinge des Messers auf seinem Rücken und wusste, dass der Jäger gekommen war, um ihn zu foltern. Der Mann hob Ulvs Haare an und zog an der Bockshaut. Mit zwei Schnitten trennte er sie durch. Dann trat er ein paar Schritte zurück. Ulv hörte, dass er etwas auspackte, ein Riemen fiel zu Boden.
Dann knallte es. Ulv drehte den Kopf zur Seite, doch die Fesseln saßen fest, so dass er nicht sehen konnte, was geschah. Erneut knallte es hinter ihm in der Luft. Die Menschen kreischten und jubelten.
Da traf ihn die Peitsche. Ulv zuckte zusammen, er zerrte an seinen Fesseln, bis das Blut zwischen den Riemen hervortrat. Wieder brannte die Peitsche auf seinem Rücken. Er schrie vor Wut und Schmerzen, doch die Peitsche schnitt sich wie die Klinge eines Messers in seine Haut.
„Wolfsmann!" Ulv zog sich an seinen festgebundenen Fäusten hoch. „Ich Wolfsmann! Essen! Hunger!"
Die Peitsche traf ihn auf der Schulter. Der Mann dort hinter ihm sagte etwas. Er lachte. Ulv biss mit den Zähnen in seine Fesseln. Er wollte sie durchbeißen, während der Mann ihn peitschte. Er wollte sich losreißen. Dann würde er den Mann töten und fliehen. Zurück nach Norden. Er würde in die Täler wandern, nach Hause in die Berge und Wälder.
Plötzlich wurde es still. Ulv spannte seinen Körper an und wartete auf den nächsten Peitschenhieb. Die Menschen waren still. Er fürchtete, dass sie ihn jetzt töten würden. Vielleicht spannten sie jetzt ihre Bögen und schossen ihm Pfeile in den Rücken. Der große Mann kam zu ihm und baute sich neben ihm auf. Ulv zerrte an den Fesseln.
„Diese Münzen gehören Trar." Der Große biss in eines der Goldstücke und präsentierte dabei einen Mund voller brauner Zähne. „Du hast das Gold gestohlen, es gehört unserem Häuptling. Es trägt das Oval, Trars Zeichen. All sein Eigentum trägt dieses Zeichen."
Ulv blinzelte, denn Blut rann ihm in den Augenwinkel. Er verstand nicht, was der große Mann sagte.
„Du wirst zehn mal zehn Peitschenhiebe bekommen." Der Große strich sich über sein bartloses Kinn. „Starke Männer überleben das manchmal. Du kannst dieser Strafe entgehen, wenn du doppelt so viel Goldstücke bezahlst, wie du gestohlen hast. Aber du hast wohl nur das Gold, das sich in deinem Ledersäckchen befindet, oder?"
Ulv antwortete nicht. Er zerrte mit den Handgelenken an den Riemen und knurrte den großen Mann an, kam aber nicht frei. Dann streckte er sich wieder und biss in die Taue. Die Peitsche brannte auf seinem Rücken. Er brüllte und ließ sich wieder sinken. Der Lederriemen biss in seine Haut.
Sieben Mal biss die Peitsche zu. Ulv schrie zum Himmel, er zerrte an den Riemen und wand sich hin und her, doch immer wieder war die Peitschenschnur da und schnitt sich in seinen Rücken. Nach dem achten Mal hörten die Schläge auf. Ulv rang nach Atem. Ihm wurde übel vor Wut. Speichel rann in seinen Bart und Ulv stöhnte und wimmerte.
„Ich bin Trar." Die Stimme war dicht hinter ihm.
Ulv richtete sich auf. Ein alter Mann sprach zu ihm.
„Das Gold, das du bei dir hattest, gehört mir. Es wurde mir von einem Sklaven gestohlen, den ich letztes Jahr von den Karawanen gekauft habe. Es heißt, er sei aus Kajmen gewesen. Er war ein untreuer Diener, Fremder. Er floh in einem Ruderboot, aber wir erwischten ihn, als er das Boot ins Wasser schob und schossen unsere Pfeile auf ihn ab. Jetzt weiß ich, dass er es bis über den See geschafft hat. Er ist dir begegnet und du hast ihn getötet und ihm das Gold abgenommen."
Ulv drehte den Kopf zur Seite und schnupperte. Der Alte stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Er trug wollene Kleider und musste sich erst vor kurzem gewaschen haben, denn er roch nicht nach Schweiß.
„Du redest wohl nicht viel." Der Alte kam näher. „Vielleicht glaubst du, ich lasse dich gehen? Aber das werde ich nicht. Die Münzen trugen ein Zeichen, es sind die gleichen, die mir der Sklave gestohlen hat. Also sind es meine Münzen, mit denen du dir Fleisch kaufen wolltest. Darauf steht eine hohe Strafe. Dennoch sollst du die Wahl haben. Die Peitschenhiebe können dir erspart bleiben, und das sage ich, Trar, der Häuptling dieses Ortes. Verstehst du, was ich sage?"
Ulv verstand nicht allzu viel, doch einige der Worte erkannte er wieder. Er glaubte, der Mann nannte sich Trar. Der Alte senkte seine Stimme und kam näher.
„Heute Abend wird es einen Zweikampf geben", sagte Trar. „Dreizahn und ich haben gewettet. Wir haben viel Gold auf unsere Krieger gesetzt. Doch mein Mann hat ein Pferd gestohlen und heute Nacht die Flucht ergriffen und jetzt will niemand gegen Dreizahns Meister antreten. Wenn du dazu bereit bist, kannst du der Peitsche entgehen. Du siehst stark aus und wirst ein gutes Schwert bekommen. Du musst einen Mann töten, dann kannst du gehen."
„Wolfsmann", sagte Ulv. „Hunger."
„Du wirst Essen und Trinken bekommen. Wir werden dich gut pflegen."
Ulv atmete aus. Trar sprach Worte, die er kannte. Seine Stimme gab ihm Sicherheit.
Der Alte drehte sich zur Menge und rief ihnen etwas zu, und gleich darauf kamen zwei Männer zu Ulv und banden ihn los. Ulv schwankte, als sie ihn zwischen sich stützten. Trar wies ihnen den Weg zwischen den Blockhütten hindurch. Er war ein kleiner Mann in einem grauen Wollumhang. Seine Glatze war von langen, weißen Haaren gesäumt. Ulv blickte zum Himmel empor und bemerkte die grauen Wolken, die von Norden herangetrieben waren. Bald würde es zu regnen beginnen.

Die Männer führten ihn in eine Blockhütte. Drinnen war es dunkel, doch ein paar Wandluken waren ein wenig geöffnet, so dass genug Tageslicht hereinfiel, damit er das Ende des Raumes erkennen konnte. Die Wände ringsherum waren mit Hirschleder und Pelzen behängt und getrocknetes Fleisch hing an Sehnen von der Decke. Niemals zuvor hatte Ulv eine so große Hütte gesehen. Bloß in seinen Träumen über dieses weit entfernte Tal waren ihm solche Bilder erschienen. Knochenflöten und Primstäbe lagen auf Brettern an den Wänden und mitten im Raum stand ein breiter Tisch. Die Männer führten ihn am Tisch vorbei zur Feuerstelle am Ende der Hütte. Dort ließen sie ihn auf ein Fell sinken. Ulv legte sich auf die Seite und stöhnte, denn jetzt begannen seine Wunden zu schmerzen. Trar setzte sich auf eine Bank an der Wand, und bald darauf kam eine Frau zu ihm. Sie unterhielten sich flüsternd und schließlich deutete Trar auf Ulv, ehe die Frau wieder verschwand.
„In meiner Zeit als Karawanenführer habe ich die Handelssprache gelernt." Trar faltete die Hände vor seinem Bauch. „Das ist die Sprache, die du sprichst, nicht wahr? Verstehst du, was ich jetzt sage?"
Ulv richtete sich auf die Ellenbogen auf. Er konnte nicht hier drinnen liegen bleiben. Er musste so schnell wie möglich weg von hier.
„Ja, das habe ich beinahe vergessen ..." Trar stütze sich auf seine Knien auf und ging mit steifen Beinen zur anderen Seite des Raumes. Dort löste er eine Sehne von der Wand und nahm ein Bündel mit getrockneten Fleischstückchen von der Decke. Er warf es Ulv zu und setzte sich wieder auf die Bank.
Ulv richtete sich auf und begann zu essen. Trar war ein guter Mann, dachte er. Ein Freund.
Da kam die Frau zurück. Sie hatte ein Holzfässchen bei sich, einen Lappen und ein Tongefäß. Trar lächelte sie an und zeigte auf Ulv. Ulv selbst bemerkte sie kaum, denn jetzt, da er zu essen begonnen hatte, wollte er sich gleich für mehrere Tage satt essen. Die Frau strich ihm mit dem Lappen über die Wunden. Sie band seine Haare hoch und schmierte ihm Salbe aus dem Tongefäß auf den Rücken. Als sie fertig war, ging sie zurück zu Trar. Ulv sah sie an und rülpste.
„Freund." Ulv rappelte sich auf. „Wolfsmann muss jagen, jetzt gehen. Mann finden, töten Mann mit Peitsche." Er griff nach seinem Messer, doch es war nicht an seinem Platz. Sie mussten es ihm auf dem Platz abgenommen haben.
„Du vermisst dein Messer." Trar nickte der Frau zu, die sich von der Bank erhob und zum Tisch eilte. „Du wirst ein großes Messer von mir bekommen, Fremder. Essen sollst du haben, Bogen und Pfeile. Aber zuvor musst du mir noch einen Dienst erweisen. Hast du verstanden, was ich dir draußen auf dem Platz gesagt habe?"
Ulv wischte sich den Mund ab. Die Worte des Alten dröhnten in seinem Kopf. Einige von ihnen wirkten bekannt, doch alle zusammen ergaben keinen Sinn. „Peitschenmann töten", wiederholte er. Er fühlte sich jetzt stark und wollte den Mann finden, der ihn ausgepeitscht hatte, um ihn zu töten. Das war nicht schwer. Er hatte zuvor schon getötet. Damals, in dem Winter, als die Barkas begonnen hatten, sich untereinander zu bekämpfen, hatten sich die Männer des Graufellstammes in den Kopf gesetzt, ihn zu töten und sein Blut zu trinken, da sie darin große Zauberkraft und Lebensenergie vermuteten. Aber er hatte sie gejagt, wie sie ihn gejagt hatten und nachdem er drei ihrer besten Jäger getötet hatte, hatten sie nie wieder einen Versuch unternommen, sich ihm zu nähern.
„Nein, nein, das darfst du nicht ..." Trar schnippte mit den Fingern und Ulv entdeckte die Männer, die die Tür bewachten. Sie richteten lange Speere auf ihn.
„Du musst dich jetzt ausruhen", sagte Trar. „Erst heute Abend sollst du nach draußen gehen. Leg dich jetzt hin, ruh dich aus und sammle deine Kräfte. Du wirst sie brauchen, Fremder. Du wirst all deine Kraft brauchen. Dreizahn wird heute Abend einen guten Sklaven in der Kampfgrube haben. Dieser Mann hat bereits drei Kämpfe gewonnen. Du musst dich vor ihm in Acht nehmen, Fremder."
Der Alte wackelte o-beinig zum Tisch und setzte sich neben die Frau. „Ich werde dir ein gutes Schwert geben", sagte er, den Blick auf Ulv gerichtet. „Aber jetzt musst du dich ausruhen."
„Ausruhen ..." Ulv erinnerte sich an dieses Wort. Es war ein Wort voller Schlaf, das nach Lagerfeuer und Fell schmeckte. Und wenn er in sich ging, spürte er, dass er müde war. Er wollte sich hinlegen und schlafen und nach dem Aufwachen das Dorf verlassen. Der alte Mann war ein guter, gastfreundlicher Mann, der ihm nichts Böses wollte.
Ulv ging zur Feuerstelle zurück und setzte sich mit verschränkten Beinen hin. Er knabberte noch etwas an dem Trockenfleisch herum und kurz darauf brachte ihm die Frau einen Krug Wasser. Ulv kippte es in sich hinein, wischte sich den Bart trocken und kratzte sich an der Brust. Die Frau stocherte in der Glut herum und blies in die Flammen, bis ein Rindenbündel Feuer fing. Dann nahm sie trockene Zweige, die neben der Feuerstelle auf einem Eisenkessel lagen und stapelte sie über die Rinde. Als das Holz zu brennen begann, holte sie einen verrußten Kessel und hängte ihn über die Flammen. Sie nahm ihm den Krug ab, füllte ihn in einem Fass, das an der Wand stand und goss das Wasser in den Kessel. Ulv kaute schmatzend auf dem Fleisch herum, während die Frau einen kleinen Sack Wurzelknollen ins Wasser fallen ließ. Sie fügte feingehacktes Fleisch hinzu und bald darauf erfüllte der warme Geruch die ganze Hütte. Ulv hob seinen Kopf und schnupperte. „Freunde", sagte er. „Wolfsmann Hunger, Freunde."
Die Frau sah ihn an. Aber sie lächelte nicht.
Als sie die Wurzeln gekocht hatte, füllte sie Schalen für Trar, die zwei Männer an der Tür und für Ulv. Sie selbst aß die Reste aus dem Kessel. Die Männer sprachen laut miteinander in ihrer eigenen Sprache. Hin und wieder warfen sie mit den Fingern zeigend einen Blick zu ihm hinüber, ehe sie sich wieder Trar zuwandten und mit den Fäusten auf den Tisch schlugen. Ulv ließ sie reden und setzte sich, das Fell um die Schultern geschlagen in eine Ecke.

Die Rufe weckten ihn. Ulv gähnte und griff nach seinem Bogen, doch dann erinnerte er sich, dass er ihn nicht mehr hatte. Er hatte geträumt, die Barkas jagten ihn. Sie hatten einen Pfeil in seinen Oberschenkel geschossen und ihn mit gezückten Messern verfolgt. Ulv blinzelte ins Dunkel. Die Luken in der Wand waren geschlossen worden. Die Frau saß noch immer an der Feuerstelle, doch die Flammen waren niedergebrannt. Das einzige Licht im Raum, kam von einem Talglicht, das auf dem Tisch stand, an dem Trar saß. Dort glänzte etwas Blankes. Die zwei jüngeren Männer waren als dunkle Schatten an der Tür zu erkennen.
Wieder hörte er die Rufe draußen vor der Hütte. Die Menschen kreischten und jubelten vor Begeisterung. Ulv gefiel das gar nicht. Diese Stimmen machten ihm Angst.
„Du bist aufgewacht." Trar schob seinen Stuhl zurück, stützte sich auf die Knie und stand auf. „Das ist gut. Komm jetzt her, Fremder, ich werde dir ein Messer geben."
Ulv warf das Fell ab. Seine Wunden schmerzten noch immer, aber er war jetzt satt und bereit für eine lange Wanderung durch die Nacht. Er rieb sich die Augen, während er zum Tisch ging. Trar schob das blanke Ding auf ihn zu.
„Hast du so etwas schon einmal gesehen?" Er blickte über seinen grauen Bart zu Ulv auf.
Ulv legte den Kopf auf die Seite. Die Klinge war breit und lang wie ein Arm. Der Griff war dick und mit zwei kurzen Eisenbügeln geschützt. Er glaubte, sich an so etwas erinnern zu können. Es war wie ein unklares Bild seiner Träume. Er erinnerte sich an eine Kiste in einer Hütte wie dieser, eine große Kiste mit einem schweren Schloss. In dieser Kiste waren Kleider und Tücher, Stoffe, die über seine Finger glitten. Und am Boden der Kiste, eingewickelt in eine Decke, hatte er so ein langes Messer gefunden.
Trar hob das Messer am Griff hoch. „Das wirst du heute Abend brauchen, Fremder. Es ist mein bestes Schwert. Nimm es in die Hand und zeig mir, wie du Dreizahns Mann begegnen willst."
Trar reichte ihm das lange Messer. Ulv legte seine Hand um den Griff. Er war mit Leder umwickelt und lag gut in der Hand. Das Messer war schwer wie eine Axt und wenn er es ins Licht hielt, blinkte die Klinge wie das Mondlicht auf einem See.
„So, ja. Zeig mir einen Schlag." Trar trat einen Schritt zurück. „Du kennst dich doch wohl mit Schwertern aus?"
Ulv schwang das Schwert in einem weiten Bogen. Das war kein Messer. Das war ein Schwert, wie Trar es gesagt hatte. Männer benutzten so etwas, um sich zu töten. Er erinnerte sich an eine Stimme, einen Mann mit nur einem Ohr, der ihm von Kämpfen und blutigen Schlachten erzählte.
„Schwert." Ulv hielt es vor sich. „Ich erinnere mich daran."
Trar nickte, ehe er den zwei jüngeren Männern zuwinkte. Die drei wechselten ein paar Worte. Wieder ertönten draußen die Rufe. Der eine warf einen Blick auf Ulv und wandte sich dann wieder den anderen zu. Er schüttelte den Kopf. Ulv begriff, dass sie uneins waren über etwas, denn die jüngeren Männer deuteten zur Tür, ballten die Fäuste und sprachen mit lauten Stimmen. Trar strich sich über die Stirn und zuckte mit den Schultern.
„Wir haben niemanden sonst." Er wandte sich an Ulv. „Deshalb habe ich dir die Wahl gelassen, Fremder. Zehn mal zehn Peitschenhiebe oder der Kampf. Gewinne ihn, und du bekommst Waffen und Nahrung und bist frei.
„Wolfsmann." Ulv senkte sein Schwert. Wieder all diese schwierigen Worte. „Wolfsmann nichts Hunger. Gehen Jagen, nach Norden."
Die zwei jüngeren Männer grinsten sich an. Trar seufzte und öffnete die Tür.
Draußen erwartete ihn eine große Menschenmenge. Ulv sah Männer und Frauen, Kinder und Alte, die vor der Hütte zusammengelaufen waren. Sie blickten hinein, doch Trar und seine Männer schoben sie beiseite. Trar drehte sich halb zu Ulv um. „Folge mir", sagte er. „Wir müssen zur Grube."
Ulv tat, was von ihm verlangt wurde. Ihm blieb keine andere Wahl, die Menschen umringten ihn wie die Bäume in einem Wald. Er folgte dem alten Mann wie ein zahmerer Hund, begleitet von den beiden jüngeren Männern, die die Herumstehenden auf Abstand hielten. Ulv fauchte sie an, denn es waren die gleichen Menschen, die zugesehen hatte, wie er ausgepeitscht wurde. Er suchte die Menge ab, doch er konnte den Mann mit der Peitsche nicht finden. Vielleicht versteckte er sich voller Angst vor der Rache, die ihm blühte.
Trar ging zwischen den Blockhütten hindurch. Der Boden war lehmig und Ulv erkannte, dass es geregnet haben musste, während er geschlafen hatte. Er sah zum Himmel empor. Er war dunkel und voller schwarzer Wolken. Die Nacht war sternenlos, doch die Menschen hielten Fackeln in den Händen und erhellten den Weg. Trar führte ihn über einen Pfad, der in Richtung Osten aus dem Dorf heraus führte. Sie näherten sich dem Waldrand. Irgendwo zwischen den Fichten hörte er Trommeln und erkannte den Schein weiterer Fackeln. Stimmen. Dort warteten weitere Menschen.
Trar reckte seine Faust in die Höhe und rief seinen Namen. Jemand drinnen im Wald antwortete ihm.
„Dreizahns Männer sind bereit." Er sprach über seine Schulter mit Ulv.
Ulv antwortete nicht, denn jetzt betraten sie den Wald. Der Pfad führte an einem umgestürzten Baum vorbei, hinter dessen bemooster Wurzel er eine kleine Lichtung erkannte. Viele Männer warteten dort. Sie schlugen mit Keulen gegen hohle Baumstämme und hatten sich um eine Grube versammelt, die so breit wie eine Blockhütte war. Sie hielten Fackeln in den Händen.
Trar packte Ulvs Handgelenk und zog ihn neben sich. „Du bist ein Wanderer, ein Nordländer. Sklaven fürchten Menschen wie dich."
Ulv blieb stehen. Er wollte nicht auf die Lichtung. Der Große, der die Goldstücke gezählt hatte, stand dort, und Ulv sah auch die Jäger, die ihn auf dem Platz überfallen hatten. Unter ihnen war der Mann mit der Peitsche, doch Ulv wollte sich nicht mehr rächen. Er wollte weg. Er wollte vor der Grube dort vorne fliehen, vor den Fackeln, die auf den Holzstämmen und in den Händen der Jäger brannten.
„Komm!" Trar zog an seinem Handgelenk und die zwei Männer packten Ulv an den Armen und schoben ihn weiter. Die Männer auf der Lichtung brüllten vor Lachen und zeigten auf ihn. Der Große bahnte sich einen Weg an den Jägern vorbei und streckte Trar seine Handflächen entgegen. Sie packten sich an den Fäusten und lächelten sich hart an. Ulv wurde zum Rand der Grube geführt. Dort unten stand ein Mann. Er hatte breite Schultern, lange Haare und trug einen zerfetzten Lendenschurz. Sein Mund war durch eine frische Wunde entstellt und seine Unterlippe war genäht. Auf der Brust hatte er ein pfeilförmiges Brandzeichen. Ulv begriff, dass das ein Sklave sein musste. In der Hand hielt er ein Schwert. Ulv zuckte zurück, als der Sklave die Zähne fletschte und ihm die Faust entgegenstreckte. Wieder lachten die Männer.
„Fremder." Trar kam auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Verteidige dich mit dem Schwert und lass ihn den ersten Angriff führen. Zeige deine Stärke. Überrasche ihn."
Ulv riss sich aus der Umklammerung der Männer und rannte zum Waldrand, doch die Jäger waren zu zahlreich. Sie warfen sich auf ihn und drückten ihn zu Boden. Er verlor sein Schwert.
Dreizahn stellte sich an den Rand der Grube und rief seinen Männern zu und als Ulv sich zu erheben versuchte, packten sie seine Beine und trugen ihn zu der Grube. Trar hinkte mit dem Schwert hinterdrein, doch die Jäger warteten nicht. Ulv wurde über die Kante geworfen und landete auf den Schultern im Lehm. Trar heulte und gebärdete sich wild. Ulv rappelte sich auf, er hörte das Brüllen und wandte sich dem anderen Mann zu. Das Narbengesicht sprang auf ihn zu, doch Ulv wich dem Schwert aus und warf sich zur Seite. Er rutschte im Matsch aus, fiel auf die Knie und drehte sich mit dem Rücken zur Erdwand. Trar drängte sich zwischen den Jägern hindurch und warf das Schwert nach unten. Die Männer hatten die Grube umringt. Sie hielten Lederbeutel und Goldstücke in den Händen und brüllten wie Verrückte.
Da stürzte sich der Sklave erneut auf ihn. Ulv duckte sich, kam unter den Schwertarm und schlug ihm den Ellenbogen gegen den Mund. Beide stürzten um, doch es gelang dem Sklaven einen Arm freizubekommen und seine Fingernägel in Ulvs Wunden auf dem Rücken zu schlagen. Ulv kroch von ihm weg, erblickte das Schwert am Rand der Grube und taumelte auf den blanken Stahl zu. Das Narbengesicht krümmte den Rücken und fauchte wie eine Schlange. Dann stürzte sich der Sklave wieder nach vorn. Ulv bückte sich zum Schwert hinunter, doch der Sklave hieb auf ihn ein und verletzte Ulv an der Schulter. Ulv wagte es nicht zu schreien. Er wagte es nicht, Furcht zu zeigen, denn dieser Mann war wie ein verwundeter Bär. Der Sklave drehte sich um, rutschte im Matsch aus und fiel auf die Knie. Da ergriff Ulv das Schwert. Sein Gegner erhob sich, öffnete den entstellten Mund und spuckte Blut und Erde. Die Wunde an seiner Lippe klaffte.
„Versetz ihm einen Hieb!" Trar fuchtelte oben am Rand der Grube wild mit den Armen. Er stand Dreizahn auf der anderen Grubenseite gegenüber und beide feuerten ihre Männer an. „Nimm dein Schwert, Wolfsmann! Töte ihn!"
Ulv hob das Schwert wie einen Speer über die Schulter. Er schleuderte es auf den Sklaven, doch das Narbengesicht wich dem Schwert aus. Trar jammerte und raufte sich den Bart. Der Sklave lächelte und leckte sich die blutigen Lippen. Er trat einen Schritt zurück, nahm das zweite Schwert und hob beide Klingen über den Kopf. Die Jäger jubelten. Dreizahn grinste mit seinen braunen Zähnen.
„Du bist tot", rief Trar. „Wolfsmann, wenn das dein Name ist, du hast mich eine Menge Gold gekostet!" Der alte Mann schüttelte den Kopf und gab ein Ledersäckchen ab.
Der Sklave hieb auf Ulv ein, zwang ihn an den Rand der Grube zurück und war bereit, den tödlichen Stoß zu setzen. Ulv konnte seine eigene Angst riechen. Er baute sich, den Rücken an die irdene Grubenwand auf. Das Narbengesicht sah mit seinen zwei Schwertern übermächtig aus, unverwundbar. Er streckte die Klingen zur Seite und lachte.
Da stürzte sich Ulv auf ihn. Der Sklave konnte nicht schnell genug reagieren, und Ulv trat die Beine unter ihm weg und warf ihn zu Boden. Dann packte er in seine Haare und riss seinen Kopf nach hinten. Die Männer brüllten, als Ulv dem Sklaven in die Kehle biss. Er schmeckte das Blut in seinem Mund. Der Sklave strampelte und schrie, doch Ulv biss immer fester zu und ruckte mit dem Kopf hin und her. Als das Harte im Hals des Sklaven nachgab, wusste Ulv, dass es vollbracht war. Er kroch von dem Mann weg und richtete sich am Rand der Grube auf. Das Narbengesicht rappelte sich auf die Knie auf, während das Blut aus seiner Kehle spritze. Um die Grube herum war es jetzt still und Ulv hörte, wie der Sklave nach Luft rang. Seine Augen quollen aus dem schmutzigen Gesicht. Er ließ die Schwerter fallen und fasste sich an die Wunde. Dann stürzte er nach hinten und blieb liegen.
Ulv trat zu ihm. Er hob das Schwert auf und rieb sich die Augen. Er wollte weg. Er hatte getötet und die Jäger standen gaffend mit ihren Goldstücken und Ledersäckchen am Rand der Grube.
„Wolfsmann jagen, nach Norden gehen." Er wandte seinen Blick zu Trar. „Wolfsmann Freund, jetzt gehen."
Trar nickte vor sich hin. Dann fuhr er sich mit den Handflächen über seinen Umhang und nahm seinem Nebenmann das Ledersäckchen ab. Doch Dreizahn schien das ganz und gar nicht zu gefallen, denn er begann zu schreien und ihm mit der Faust zu drohen. Er deutete zum Dorf und dann auf Ulv. Trar schüttelte den Kopf, doch Dreizahn schleuderte sein Ledersäckchen in die Grube hinunter und verschwand in der Menge. Trar bekam von einem der Männer ein Seil. Er warf es zu Ulv nach unten, doch in diesem Moment zitterte ein Pfeil in der Erdwand. Dreizahns Männer spannten ihre Bögen und zielten auf Ulv. Trar zog das Seil wieder hoch.
„Warte", sagte er. „Dreizahn führt etwas im Schilde."
Ulv sah zu den Jägern hoch. Sie hatten Pfeile auf die Sehnen gelegt und beobachteten ihn. Vielleicht hätte er das Narbengesicht nicht töten sollen, dachte er und sah zu dem Toten hinüber. Er lag in einer Pfütze am Rand der Grubenwand, halb von Schlamm bedeckt. Das Blut war in einer Lache an seinem Hals zusammengelaufen.

Der Regen setzte leise ein, wie ein Rauschen über dem Wald. Ulv stand noch immer in der Grube, als er die ersten Tropfen im Gesicht spürte. Die Fichten reckten sich hoch über die beleuchtete Lichtung, und der Nachthimmel zeigte sich in einer schmalen Öffnung zwischen den dunklen Zweigen. Die Jäger mit den Fackeln suchten unter den Bäumen Schutz, doch die Bogenschützen bewachten ihn weiter. Ulv hörte Geräusche aus dem Dorf. Eine Frau weinte. Die Stimme des Großen war bei den Hütten zu hören. Zwei Männer näherten sich über den Pfad.
Trar fasste sich an die Stirn. Die Männer um ihn herum flüsterten miteinander. Ulv gefielen ihre Blicke gar nicht. Der alte Mann wiegte den Kopf hin und her.
„Segga!" Einer der Jäger trat aus dem Schutz der Bäume und deutete mit der Fackel in Richtung Pfad. Die Männer drehten sich um. Das Wort huschte von Mund zu Mund.
„Das ist Segga." Trar stützte sich auf seine Knie. „Dreizahn muss ihm viel Gold dafür gegeben haben. Ich werde mit ihm sprechen, Fremder. Du hast jetzt gewonnen und Recht auf deine Freiheit."
Die Männer wichen zur Seite und ließen Dreizahn vortreten. Bei ihm war ein großer, bärtiger Mann, der einen rußigen Hirschlederumhang trug. In der einen Hand hielt er ein einseitig geschliffenes Schwert, in der anderen ein Jagdmesser. Als er Ulv erblickte, machte er eine ruckhafte Bewegung mit dem Kopf und spuckte aus. Er richtete ein paar Worte an Dreizahn und dieser antwortete mit einem Lachen.
Trar drohte ihnen mit der Faust, woraufhin sie wieder zu streiten begannen. Ulv bemerkte, dass die Jäger auf ihren jeweiligen Seiten blieben, als hätten die zwei Männer jeweils die Hälfte des Dorfes auf ihrer Seite. Dreizahn löste den Gürtel des schwarz gekleideten Jägers und nahm ihm Umhang und Hemd ab. Trar trat an die Grube und kratzte sich im Nacken.
„Segga ist Schwertmeister", sagte er. „Dreizahn behauptet, der Sieg gelte nicht, da du ihn nicht mit dem Schwert erlangt hast. Du musst noch einmal kämpfen. Nicht einmal ich, der ich Häuptling bin, kann das verhindern. Dreizahn sagt, Segga würde die Hälfte des Gewinns bekommen. Segga ist Krieger. Er stammt aus dem Süden."
Ulv nahm die Witterung des großen Mannes auf. Seine haarige Brust war von Narben übersät. Die Nase hing flach und schief über dem schwarzen Bart. Er hatte ein breites Gesicht, eng aneinanderstehende Augen und kurze Haare. Dann trat er an den Rand der Grube, drehte sich zu Dreizahn um und bellte ihm ein paar Worte zu. Dreizahn reagierte und hob ein Ledersäckchen an, in dem Goldmünzen klimperten. Als Segga danach griff, zog Dreizahn das Säckchen zurück und deutete auf Ulv. Der Krieger schielte zu Ulv und dem Toten hinunter und sprang nach unten in die Grube.
Der große Mann landete weich im Lehm. Er hatte seinen Blick auf Ulv gerichtet, der zur Wand der Grube zurückwich. Irgendwo über dem See donnerte es. Er hörte eine Windböe über dem Wald. Der Regen wurde immer stärker. Segga kümmerte sich nicht darum. Er kam mit gebeugtem Rücken langsam näher und hatte seine Arme wie lange Haken nach vorne gestreckt. Wieder begannen die Jäger zu schreien. Ulv hob sein Schwert, als er die Erdwand hinter sich spürte. Segga blieb stehen und blinzelte, um das Regenwasser aus seinen Augen zu zwinkern. In diesem Moment warf sich Ulv zur Seite. Segga schlug nach ihm, traf aber nur die Erdwand. Ulv landete auf dem Bauch im Schlamm, rappelte sich auf und hieb mit dem Schwert nach Seggas Beinen. Dieser sprang hoch, drehte sich im Sprung um und trat Ulv in den Bauch, so dass dieser auf die Seite stürzte und nach Atem rang, doch Segga trat weiter auf ihn ein. Die Schmerzen jagten unerbittlich durch seinen Körper. Ulv hatte Schlamm in den Augen. Er hob sein Schwert und hieb blind vor sich durch die Luft. Schließlich kam er auf die Knie, doch Segga packte ihn an den Haaren und schlug ihm gegen das Kinn. Ulv schluckte Blut als Segga ihn an den Haare hoch zog. Er kniete vor dem großen Mann. Er wollte blinzeln, um den Schlamm aus den Augen zu bekommen, doch in diesem Moment bemerkte er, dass er das Schwert noch immer in der Hand hielt. Segga trat einen Schritt zurück. Er hob seine Arme und brüllte. Jetzt würde er ihn töten.
Ulv hob sein Schwert aus dem Matsch und stieß es nach vorne. Segga holte zum Schlag aus, als Ulv ihm das Schwert in den Bauch rammte. Der große Mann traf ihn mit den Bügeln des Griffes am Kopf und Ulv stürzte über den toten Sklaven. Segga heulte und packte das Schwert, das über seinem Gürtel aus seinem Bauch ragte. Er fiel auf die Knie, legte seine Fäuste um die Schwertklinge und zog sie heraus. Dann stand er auf und blickte auf seine blutigen Hände. Ulv fragte sich, ob er sich nach einer Waffe umschaute, doch Segga taumelte in die Mitte der Grube und suchte den Kreis der Jäger ab. Ulv fasste sich an die Stirn. Er blutete, aber das war nichts im Vergleich zu dem großen Mann. Segga versuchte eine Hand auf die Wunde zu pressen, doch das Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Er stöhnte wie ein sterbender Hirschbulle und streckte seine Arme einer kleinen Gestalt am Rand der Grube entgegen. Ulv rieb sich den Schlamm aus den Augen. Es war eine Frau. Die Jäger hielten sie fest, denn sie wollte nach unten springen. Ihre langen, nassen Haare klebten an ihrer Wange. Sie schrie und wand sich in den Armen der Jäger. Der große Mann taumelte auf sie zu. Er stützte sich an die Erdwand, konnte sie aber nicht erreichen. Dann gaben seine Beine unter ihm nach und er stürzte in den Schlamm.
Die Jäger starrten Ulv an, der sich nach unten beugte und das Schwert aufhob. Zwei Männer hatte er für sie getötet, und jetzt waren die Jäger still wie Steine. Regentropfen zischten in den Flammen der Fackeln. Ulv blickte zu Trar, doch der alte Mann wollte das Seil noch immer nicht zu ihm nach unten werfen.
„Wolfsmann", sagte Ulv. „Jagen. Gehen nach Norden."
Trar nahm mit einem raschen Blick zur anderen Seite der Grube das Seil von seiner Schulter. Er entrollte es und warf das eine Ende nach unten.
„Was glaubst du, wohin du gehen kannst?" Dreizahn hatte das Wort ergriffen. Er nickte einem Jäger zu, der Trars Seil wieder hochzog. „Du bist ein Sklave", sagte Dreizahn und hockte sich am Rand der Grube hin. „Du hast einen freien Mann getötet. Dafür wirst du sterben."
Ulv stürzte zum Rand der Grube, doch Dreizahn zuckte zurück. Die Jäger sprangen vor und traten Ulv auf die Finger, so dass er wieder nach unten in den Schlamm stürzte.
Erneut begannen Trar und Dreizahn zu streiten. Die Jäger reckten Speere und Bögen über ihren Köpfen in die Höhe. Ulv hockte sich am Rand der Grube hin, denn die Wunde auf seiner Stirn schmerzte. Er hörte die Stimmen um sich herum, verstand aber nicht, was sie sagten. Er wusste nur, dass sie ihm nicht die Freiheit geben würden. Die Frau, nach der sich der große Mann ausgestreckte hatte, kauerte am Rande der Grube. Die nassen Haare hingen ihr ins Gesicht und ihr Rücken zitterte.

Trar, Dreizahn und die meisten der Jäger stritten und gebärdeten sich eine Weile lang wild, bis sie der Regen wieder zurück ins Dorf trieb. Zwei Männer sprangen in die Grube hinunter und legten Segga ein Seil um die Arme, während die Bogenschützen Ulv mit gespannten Bögen bewachten. Sie zogen den toten Krieger hoch, ließen Ulv und den toten Sklaven aber zurück. Eine Handvoll Bogenschützen blieb an der Grube stehen, als die Jäger den Toten fort trugen. Ulv hörte ihre Schritte im Wald. Die Frau weinte noch immer.
Er riss einen Streifen vom Lendenschurz des Sklaven und band sich diesen um den Kopf und schließlich hörte seine Schläfe zu bluten auf. Dann kauerte er sich zusammen, während der Regen über seinen von der Peitsche zerschundenen Rücken rann. Die Nacht war schwer und voller fremder Laute. Er hörte den Atem der Bogenschützen und die in den Schlamm fallenden Tropfen.
Ulv hockte die ganze Nacht dort. Der Regen schüttete von dem schwarzen Himmel herab und verwandelte die Grube in ein riesiges Schlammloch. Das Wasser reichte ihm bald bis über die Knöchel und Ulv betrachtete den toten Sklaven, der wenig später von Schlamm bedeckt war. Immer wieder brach etwas von den Wänden herunter, weshalb sich Ulv in die Mitte der Grube setzte, die die Bogenschützen, geschützt unter ihren ledernen Umhängen und Kappen, wie steinerne Säulen umringten. Ulv verstand nicht, warum sie ihn dort unten in der Grube festhielten, doch er hatte begriffen, dass es ihnen nicht gefallen hatte, dass er den großen Mann getötet hatte. Der Tod des Sklaven war wohl nicht so schlimm, dachte er mit einem Blick auf die reglose Gestalt am Rand der Grube. Er trug ein Brandzeichen, wie der Tote im Boot. Er war kein freier Mann. Doch er war es sicher einmal gewesen.
Er ging zu dem Toten und hob ihn aus dem Schlamm. Die Bogenschützen spannten ihre Bögen, als er ihn an der Erdwand aufrichtete und ihm den Schlamm aus dem Gesicht wischte. Ulv erkannte, dass der Mann noch jung war. Der Riss in seiner Unterlippe hatte keine Gelegenheit mehr, zu verheilen und das Brandzeichen auf seiner Brust war noch immer erhaben. Vielleicht hatte ihn Dreizahn gerade erst gekauft. Vielleicht war der Tote aber auch ein Wanderer, wie er selbst. Er war in dieses Dorf gekommen und die Jäger hatten ihn gefangen und versklavt. Ulv stand auf und fauchte die Bogenschützen an, doch sie lachten nicht einmal über ihn. Er beugte sich nach unten und begann im Schlamm herumzuwühlen. Schließlich kroch er, die Hände langsam durchs Wasser bewegend, durch die Grube. Zu guter Letzt fand er, wonach er suchte. Er nahm das Schwert, mit dem der Sklave gekämpft hatte und schleuderte es in Richtung des ersten Bogenschützen, doch es traf mit dem Schaft, so dass sich der Bogenschütze bloß an den Bauch fasste und fluchte. Er spannte seinen Bogen, doch die anderen riefen ihm etwas zu und brachten ihn dazu, den Bogen wieder zu senken. Der Mann antwortete ihnen mit einem Grunzen, ehe er zum Rand der Grube vortrat und seinen Gürtel löste. Er ließ seinen Urin in das Schlammloch laufen und die anderen lachten und taten es ihm nach. Ulv kauerte sich in der Mitte der Grube zusammen und verbarg den Kopf zwischen seinen Armen.

Den Rest der Nacht saß er so da. Bei Tagesanbruch regnete es nicht mehr und Ulv erhob sich und blickte in den Nebel auf, der zwischen den Bäumen trieb. Die Bogenschützen bewachten ihn noch immer. Sie hatten sich ihre Kapuzen in die Nacken gezogen. Es war bereits warm und die ersten Sonnenstrahlen glitzerten auf den regennassen Fichtenzweigen. Der Wald war von Vogelgezwitscher erfüllt und Ulv erkannte das Singen und Rufen der Drosseln, eines Rotkehlchenhahns und das Krächzen einer Elster. Es wäre ein guter Tag, um fort zu wandern. Die Wolfsrudel in den Tälern zogen in dieser Zeit nach Norden. Er wollte ihren Spuren folgen und sich von ihnen in gute Jagdgründe führen lassen.
Die Bogenschützen warfen rasche Blicke in Richtung Dorf. Auf dem Pfad näherte sich jemand und Ulv erkannte die Stimmen von Trar und Dreizahn. Bei ihnen war ein dritter Mann und alle drei sprachen aufgeregt miteinander. Ulv nahm das Schwert in die Hand. Vielleicht brachten sie ihm noch einen Mann, den er töten musste. Oder sie kamen, um die Bogenschützen aufzufordern, ihre Pfeile auf ihn abzuschießen.
Die drei Männer traten auf den Platz. Die Bogenschützen grüßten mit einem kurzen Nicken, und dann kamen Trar und Dreizahn am Rand der Grube zum Vorschein.
„Hier ist er." Trar stemmte seine Hände in seine Hüften und stand dick und breitbeinig im nassen Gras. „Wir nennen ihn Wolfsmann. Er hat heute Nacht zwei Männer getötet, er ist stark und gefährlich."
Jetzt trat der dritte Mann zwischen Trar und Dreizahn. Es war ein kleiner, pockennarbiger Mann mit dünnem Bart. Er trug ein kurzes Wams, einen breiten Gürtel um die Hüften und einen kurzen Lederumhang auf dem Rücken.
„Er ist schmutzig", sagte der Mann. „Seid ihr euch sicher, dass er nicht die Krätze hat oder womöglich Läuse?"
„Das können wir nicht wissen." Dreizahn grinste mit seinen braunen Zähnen. „Er kam aus dem Norden und bei diesen Nordländern weiß man ja nie. Aber er ist stark wie ein Ochse und wild wie ein Wolf. Er hat meinem Sklaven die Kehle durchgebissen."
Dreizahn deutete auf den Toten und der Fremde strich sich über den Bart. „Ich gebe dir zehn Goldmünzen", brummte er. „Zehn, mehr ist er nicht wert."
Ulv watete auf die Männer zu. Er versuchte, ihre Worte zu verstehen, denn sie verwendeten die Sprache, die er kannte. Sie sprachen über Gold und den toten Sklaven. Aber das andere begriff er nicht.
„Wolfsmann!" Er drohte ihnen mit dem Schwert. „Nach Norden wandern!"
Die Männer schwiegen plötzlich. Der Fremde sah ihn mit großen Augen an, ehe er grinsend auf ihn zeigte. „Er spricht!" Der Fremde kratzte sich durch die Haare und wiegte den Kopf hin und her. „Er spricht die Handelssprache! Das ist der reinste Schatz, Männer aus Alvar!"
„Die Barkas sprechen eine Abart der Handelssprache." Trar legte die Hand auf die Schulter des Fremden. „Vielleicht hat er das von ihnen gelernt. Das macht ihn doch wohl etwas wertvoller, Kosh? Die meisten hier oben sprechen bloß Alvar oder Firtisch."
Der Fremde hockte sich hin und legte den Kopf zur Seite. Ulv erwiderte seinen Blick und starrte zurück. Jetzt verstand er mehr. Der Pockennarbige war ein Sklavenhändler.
„Ihr habt ihn schlecht behandelt. Wegen der Wunde auf der Stirn und dem Schnitt in der Schulter muss ich etwas abziehen, außerdem habt ihr ihn ausgepeitscht. Aber er trägt noch kein Brandzeichen. Das ist gut. Die Mächtigen im Süden ziehen es vor, ihre Sklaven selber zu brandmarken."
„Dreißig Goldmünzen. Das ist ein guter Preis, Kosh." Dreizahn streckte seine Faust vor.
Kosh spuckte verächtlich aus. „Fünfzehn, höchstens. In Krugant bekomme ich höchstens dreißig für ihn. Und es kostet mich einiges, ihn den ganzen Weg dorthin durchzufüttern."
Trar schob seine Hände hinter seinen Gürtel. „Zwanzig und vier extra. Denk dran, er hat Segga getötet. Und von Segga hast sogar du schon gehört, Kosh. Ich würde den Wolfsmann selber behalten und in Zweikämpfen Hunderte von Goldmünzen verdienen, aber Dreizahn und ich haben ein Abkommen getroffen. Wir verkaufen den Sklaven, weil er einen freien Mann getötet hat. Dreizahn hätte ihn gerne gehängt, aber ich mache lieber ein gutes Geschäft. Wir geben der Witwe zehn Goldmünzen und teilen uns den Rest."
„Zwanzig Goldmünzen." Kosh löste einen ledernen Beutel von seinem Gürtel und begann das Geld abzuzählen. „Gebt der Witwe sechs und nehmt den Rest selbst."
Trar und Dreizahn sahen einander an. Dreizahn nickte. Trar kratzte sich im Nacken. „Gut, zwanzig", sagte er, „aber dann kümmerst du dich selbst um die Ketten."
„Ketten habe ich genug." Kosh zählte die Münzen in die ausgestreckten Hände der Männer. „An der Pforte Kargaths erwarte ich gute Geschäfte, denn es heißt, die Zöllner hätten ein paar Dörfer im Süden geplündert. Sie verkaufen mir ihre Beute sicher günstig. Die Zöllner haben einen guten Ruf. Sie rühren die Frauen nicht an und verkaufen sie so rein, wie sie bei ihrer Gefangennahme waren. In den Häfen kann man dafür einen guten Preis erzielen."
Dreizahn stopfte die Münzen in das Ledersäckchen und drückte Koshs Hand. Dann ging er ins Dorf zurück.
Trar stützte sich mit den Händen auf die Knie und blickte zu Ulv hinunter. „Du musst jetzt mit Kosh gehen. Er kam gestern zu uns und wird dich mit nach Süden nehmen. Dreizahn wollte dich töten, aber ich konnte ihn überreden. Du wirst der dritte Sklave des Zuges sein. Sei stark und du kannst überleben. Und sei gewiss, dass ich nie etwas gegen dich hatte, Wolfsmann. Die Gesetze des Dorfes zwingen mich, das zu tun."
Kosh grinste schief, als Trar ihm die Hand gab. Dann entfernte sich der Alte langsam von der Grube.

Kosh blieb stehen, und Ulv beobachtete ihn, als er langsam am Rand der Grube entlangging. Bald kamen noch weitere Männer zur Grube. Die dunkelhaarigen Sklavenhändler trugen kurze Gewänder und hohe Stiefel. Sie warfen ein Tau hinunter, und Kosh winkte Ulv zu sich. Ulv ging zum Tau, doch da richteten die Männer ihre Speere auf ihn. Kosh befahl ihm, die Schwerter wegzulegen. Ulv tat es, denn er dachte, er könnte sie alle töten, wenn er erst aus der Grube heraus war. Doch als er nach oben kletterte, umringten ihn die fünf Männer mit ihren Speeren und Kosh wandte sich zum Pfad. Die Sklavenhändler stachen ihm in die Wunden auf seinem Rücken, als er nicht gleich folgte. Er schlug nach ihnen, doch da wurde ihm der Schaft eines Speeres in den Nacken geschlagen.
Ulv tat, wie Kosh ihn geheißen hatte, und folgte ihm über den Pfad. Als er über die Schultern nach hinten blickte, sah er, dass die Bogenschützen den Toten aus der Grube zogen. Dann versperrten die Bäume den Blick auf die Lichtung. Als sie aus dem Wald traten, blieb Ulv stehen, doch die Sklavenhändler stachen erneut mit den Speerspitzen in seine Wunden und zwangen ihn weiter. Kinder und Frauen standen bei den Blockhütten und starrten ihnen nach. Ulv rief ihnen die Worte zu, die er im Kopf hatte, denn er hoffte, dass ihm jemand helfen würde. Doch die Dorfbewohner unternahmen nichts.
Bald erreichten sie den Platz, auf dem Ulv gefangen und ausgepeitscht worden war. Vor den Türmen stand ein Wagen. Er war schmal, so lang wie zwei Speere und an den Seiten und der Decke mit Leder verkleidet. So etwas hatte Ulv noch niemals zuvor gesehen und er wunderte sich über die flachen Scheiben, auf denen dieses merkwürdige Ding thronte. Was ihn aber am meisten erschreckte, waren die zwei Männer, die am Wagen standen. Sie trugen einen eisernen Ring um den Hals und waren mit körperlangen Ketten am Wagen festgebunden. Beide waren schmutzig und in Lumpen gekleidet. Sie sahen ihn mit müden Blicken an, als hätten sie viele Tage nicht geschlafen.
„Knie nieder!" Kosh wandte sich zu Ulv und zeigte zu Boden. „Hier, Sklave!"
Die Speere stachen ihm in die Schultern. Ulv ließ sich auf die Knie fallen. Wut kochte in ihm hoch, doch er wagte keinen Angriff, solang sich die Speerspitzen in seine Haut schnitten. Kosh schlug mit der Faust gegen die Seite des Wagens und ein Junge kletterte unter einer Decke hervor und sprang heraus.
„Kette ihn an." Kosh deutete auf Ulv. „Und fessle seine Arme. Er ist gefährlich."
Der Junge kletterte in den Wagen und wühlte zwischen Decken, Säcken und Fellen herum. Schließlich fand er einen Eisenbügel, wie ihn die anderen Sklaven trugen. Er sprang hinunter und stellte sich breitbeinig vor Ulv, während er sich durch die dunklen Haare kratzte.
„Du musst dich hinlegen ..." Er warf einen Blick zu Kosh, der ihm lächelnd zunickte. Dann wandte sich der Junge wieder an Ulv und stemmte seine Hände in die Hüften. „Leg dich hin", rief er mit seiner hellen Jungenstimme. „Leg dich auf den Bauch!"
Ulv knurrte, aber die Speere stachen ihm in den Rücken. Er bekam einen Tritt gegen den Hinterkopf und stürzte nach vorn. Die Sklavenhändler drückten ihn mit den Füßen zu Boden. Ulv rang nach Atem und griff nach ihren Füßen, aber starke Hände zwangen seine Arme auf den Rücken und fesselten sie mit einem Seil. Er spürte kaltes Eisen im Nacken, als der Junge den Bügel um seinen Hals legte. Ulv wand sich hin und her, als sich der Junge neben ihn kniete. Eine Kette klirrte und der Junge hieb mit einem Hammer auf den Eisenbügel.
„Haltet ihn fest, während ich den Bolzen hineinschlage." Der Junge schob seine Haare zur Seite. Die Sklavenhändler drückten ihre Knie in Ulvs Rücken. Dann dröhnten drei Schläge in seinen Ohren, und der Eisenbügel kratzte über seinen Hals.
„Drei Schläge!", jubelte der Junge. „Vater, ich habe es mit drei Schlägen geschafft."
„Das ist gut", sagte Kosh. „Befestigt jetzt die Kette am Wagen. Wir müssen los."
Die Kette klirrte, als der Junge sie mit einem Bolzen am Wagen befestigt.
„Hast du sie gut fest gemacht?" Wieder war es der pockennarbige Sklavenhändler, der das Wort ergriffen hatte. Ulv versuchte, sich zur Seite zu drehen, doch da ruckte der eiserne Bügel an seinem Hals. Kosh zog an der Kette, ehe er sie losließ und auf die andere Seite des Wagens ging. Holz knirschte. „Lasst ihn los", sagte Kosh. „Wir brechen auf."
Die Männer erhoben sich. Ulv spürte keine Speere mehr im Rücken. Er rappelte sich hoch. Der eiserne Kragen saß eng an seinem Hals. Er hing am Ende der Kette, deren Anfang mit einem Bolzen an einem Bügel des Wagens befestigt worden war.
„Wolfsmann!" Er wandte sich zu den Menschen auf dem Platz um. „Nach Norden gehen. Fliehen. Jagen!"
Die Jäger sahen ihn mit finsteren Blicken an und die Frauen drückten die Kinder an sich. Irgendwo zwischen den Blockhütten bellte ein Hund.
Nach einem Peitschenknall setzte sich der Wagen in Bewegung. Ulv hängte sich in die Kette. Die beiden anderen Männer waren aufgestanden und folgten dem Wagen mit gesenkten Häuptern.
„Wolfsmann!" Ulv brüllte zum Himmel und stemmte sich mit den Beinen in den Boden. Doch der Wagen zerrte ihn weiter und bald folgte er ihm ebenso gehorsam wie die beiden Sklaven. Als der Wagen auf den Weg einbog, warf er einen Blick zurück zum Platz. Die Menschen liefen auseinander. Der Himmel über dem Dorf hing voller grauer Wolken. Er konnte den See riechen. Er heulte, laut und langgezogen, wie es ihm die Wölfe gelehrt hatten. Doch hier antwortete ihm niemand. Die Fichten schlossen sich um ihn. Der Wagen knirschte, der eiserne Bügel drückte seinen Hals zusammen und die Kette zwang ihn weiter.

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